Autor: Gerd Junker 21. März 2017

Nachhaltige Branchen 2 – Pharmabranche

Zusammenfassung: Die Pharmabranche steht aufgrund verschiedener Skandale in der Vergangenheit generell unter einem starken Rechtfertigungsdruck.  Daher sind die Unternehmen besonders gefordert, wenn es um Faktoren der Nachhaltigkeit geht. Entsprechend haben sich Großkonzerne in den vergangenen Jahren verstärkt engagiert und beim Ranking der Nachhaltigkeitsberichte gute Ergebnisse erzielen können. Der anfängliche Elan der gesamten Branche hat jedoch etwas nachgelassen. Dennoch gibt es auch hier viele engagierte Unternehmen, die sich ehrgeizige Nachhaltigkeitsziele gesetzt haben und diese konsequent umsetzen.

 

 

Bittere Pillen – die Pharmabranche hat in Sachen Nachhaltigkeit Nachholbedarf.

Nachhaltigkeit ist in den Fokus des gesellschaftlichen Interesses gerückt. Die unternehmerische Sozialverantwortung hat unter dem Begriff der Corporate Social Responsibility (CRS) einen festen Platz in der Unternehmensführung gefunden. Entsprechend kann sich kaum ein Unternehmen dieser Verantwortung entziehen und mit reiner Profitgier und Billiglöhnen langfristig erfolgreich im Markt agieren. Neben dem vielbeschworenen Shareholder Value müssen ganz klar auch Menschenrechte, Arbeits-, Sozial- und Umweltbelange im Wirtschaften mit einbezogen werden. Schließlich wollen Anleger ihr Geld zunehmend ethisch und ökologisch investieren.

 

Wie Unternehmen der gesellschaftlichen Forderung nach mehr Nachhaltigkeit begegnen, sieht in der Praxis sehr unterschiedlich aus. Großkonzerne veröffentlichen Nachhaltigkeitsberichte, häufig integriert in den jährlichen Geschäftsbericht. Kleine und mittlere Unternehmen stehen dagegen nicht so stark im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Aber auch – oder gerade – hier, wurden ausgezeichnete Nachhaltigkeitskonzepte entwickelt und umgesetzt.

 

 

Lieferketten kaum transparent

Einen breiten Überblick – inklusive eines Rankings der Nachhaltigkeitsberichte von Großunternehmen – präsentiert das Institut für ökologische Wirtschaftsforschung gemeinsam mit dem Unternehmensverband „future – verantwortung – unternehmen“. Gefördert wird die Studie vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales.

 

Ernüchterndes Fazit des Rankings der Nachhaltigkeitsberichte ist, dass die Nachhaltigkeit innerhalb der Lieferkette von keiner Branche umfassend abgebildet werden kann. Mehr als die Hälfte er Unternehmen geben keinerlei Auskunft über Beschaffungsquellen und Lieferanten. Entsprechend intransparent bleibt, wie ethische und ökologische Standards bei multinationalen Zuliefern umgesetzt und werden.

 

 

Pharmabranche reagiert zögernd auf Nachhaltigkeitsanforderungen

Gerade die Chemie- und Pharmabranche steht unter einem besonderen Druck, ihre Nachhaltigkeitsanstrengungen offen zu legen. Diesen Erwartungen hat die Branche in der Vergangenheit zunehmend entsprochen und konnte sich in den letzten Jahren mit den besten Nachhaltigkeitsberichten innerhalb der Rankings gut platzieren. Beim letzten Ranking der Nachhaltigkeitsberichte lag die Pharmabranche jedoch nur noch leicht unter dem Gesamtdurchschnitt.

 

Als bestes Pharmaunternehmen hat dabei Bayer abgeschnitten. Der Leverkusener Pharma- und Chemiekonzern ist in verschiedenen Nachhaltigkeitsindizes, wie beispielsweise dem Dow Jones Sustainability Index (DJSI World), vertreten und wird dort sehr gut bewertet. Spätestens jedoch seit der Großfusion von Bayer mit Monsanto in der Agrar-Sparte des Konzerns, ist das Unternehmen für sozial-ethische Investoren problematisch geworden.

 

 

Nachhaltigkeit in der freien Wirtschaft – Gegensätze aufheben

Bei der Bewertung der Nachhaltigkeit steht die Erhaltung der Umwelt als ganzes komplexes System im Vordergrund. Die Bewahrung der Natur, Schutz des Wassers, verantwortungsvoller Umgang mit den natürlichen Ressourcen zählen genauso dazu wie der faire Umgang mit den Mitarbeitern, soziale Leistungen, Gesundheitsvorsorge und Arbeitssicherheit. Anforderungen, die im klassischen liberalen ökonomischen System eher als Gegenposition zum gewinnorientierten Wirtschaften gesehen wurden.

 

Nachhaltigkeit kann aber durchaus auch ein integrativer Bestandteil der Unternehmensphilosophie sein. Denn die Werte der freien Wirtschaft schließen eine soziale und ökologische Verantwortung nicht zwingend aus. Im Gegenteil, die moderne Wirtschaftswissenschaft geht davon aus, dass ein Ausbalancieren der Interessen für Stabilität sorgt und sich positiv auf den wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens auswirkt. Eine nachhaltige Unternehmensführung setzt sich daher drei Ziele: den wirtschaftlichen Erfolg, eine soziale Unternehmensführung sowie eine ausgeglichene Ökobilanz. Ohne das effektive Zusammenspiel zwischen Mensch, Umwelt und Profit geht es nicht.

 

 

Die zwei Gesichter der Pharmabranche

Gewissenlose Gewinnmaximierung und Profitgier sind originär kein Merkmal des klassischen Wirtschaftens sondern eher Nebenwirkungen eines extremen Manchesterkapitalismus. Der ehrbare Kaufmann dagegen war von jeher dem langfristigen wirtschaftlichen Erfolg verpflichtet, nicht dem schnellen Gewinn.

 

Die Pharmabranche nimmt in der Betrachtung der Nachhaltigkeit eine besondere Position ein: Auf der einen Seite steht die wichtige soziale Bedeutung der Pharmazie für den Menschen: Effektive Gesundheitsvorsorge, heilen von Krankheiten und Linderung von Schmerzen.

 

Auf der anderen Seite stehen die vielfältigen Kritikpunkte an der Branche und damit verbunden die negativen Auswirkungen auf Mensch und Umwelt. Zudem liefert die Pharmabranche immer wieder Stoff für unzählige Skandale, die seit Jahrzehnten durch die Medien gehen.

 

 

Hürden auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit

Zu Risiken und Nebenwirkungen geben die Pharmakonzerne ungerne Auskunft

Die kritischen Handlungsfelder der Pharmabranche sind vielfältig und stehen einer echten Nachhaltigkeit bislang im Wege.

 

Da sind zuerst einmal die Fragen nach der Wirksamkeit und Verträglichkeit der Medikamente generell, ein Thema, dass in der westlichen Welt immer wieder die Gemüter erregt. Typisch für die Pharmabranche sind verharmlosende Werbeaussagen zu Risiken und Versprechungen zur Wirksamkeit. Darüber hinaus steht auch das enge und intransparente Zusammenspiel mit Ärzten sowie eine genereller Hang zum Lobbyismus.

 

Hinzu kommen ethische Fragen der Entwicklung von Medikamenten. Wer unter seltenen Erkrankungen leidet, hat geringere Chancen auf eine passende Medikamentierung. Denn in der medizinischen Forschung gilt das alte Gesetz von Angebot und Nachfrage jenseits des Hypokratischen Eids. Dagegen steht eine fast unüberschaubare Vielzahl an Medikamenten gegen die häufigen Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Auch neue Produkte gegen Krebs haben gute Marktchancen.

 

Problematischer sieht es für Krankheiten in den armen Regionen der Welt aus. Auf diese Kritik haben führende Pharmaunternehmen teilweise reagiert und Malaria-Medikamente zum Selbstkostenpreis geliefert oder sich bei der Bekämpfung von Tuberkulose und Polio engagiert. Klar ist allerdings hier, dass diese Aktionen zwar durchaus den betroffenen Menschen dienen, in erster Linie aber auch dem Imagegewinn der jeweiligen Unternehmen. Wie weit sich die Unternehmen ihrer globalen Verantwortung stellen, zeigt sich darin, inwieweit der arme Teil der Bevölkerung generell einen Zugang zu günstigen Medikamenten hat. Hier verzögert das lange Festhalten an Patenten durchaus die Entwicklung günstiger Generika. Fakt bleibt auch, dass verbreitete Krankheiten in den Entwicklungsländern wenig Gewinn versprechen. Entsprechend fällt der Anteil von passenden Medikamenten im Vergleich zum gesamten Produktportfolio der Konzerne verschwindend gering aus.

 

Auch in den Phasen der Erprobung und Zulassung neuer Medikamente steht die Pharmabranche im Verdacht, Flecken auf ihrem weißen Kittel zu haben. Da sind zum einen Medikamententests an Personen, die nicht in der Lages sind, einem Versuch zuzustimmen. Dazu wurden Beispiele aus den 50er und 60er Jahren bekannt, in denen Medikamente an Heimkindern erprobt wurden. Aktuelleren Datums sind Medikamententests mit Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländern, denn hier haben die Probanden kaum eine wirtschaftliche Alternative, geschweige denn eine ausreichende Aufklärung zu den Risiken und Nebenwirkungen. Hinzu kommt, dass auch innerhalb dieser Staaten kaum Kontrollen und Regulierungen bestehen. Viele Großkonzerne verpflichten sich zu hohen globalen Standards, geben aber keine Informationen zu den konkreten Aktivitäten in diesem Bereich.

 

Tierversuche und genmanipulierende Experimente an Tieren stehen in der Pharmabranche noch immer an der Tagesordnung. Sie werden zwar von einer breiten Öffentlichkeit als das quasi „kleinere Übel“ akzeptiert, sind aber dennoch heftig umstritten. Hinzu kommt, dass die Übertragbarkeit der Ergebnissen vom Tier auf den menschlichen Patienten durchaus fragwürdig ist. Auch Wissenschaftler kritisieren mittlerweile die massenhaften Tierversuche und verweisen auf die exakteren Messergebnisse, die Versuche mit Multiorganchips erzielen.

 

Nachhaltigkeit in der Pharmaindustrie umfasst selbstverständlich auch die Fragen nach dem Energieverbrauch, den anfallenden Abfällen und Schadstoffen bei der Produktion und der Belastung der Gewässer. Erfreulich ist, dass in diesem Bereich viele Pharmaunternehmen bereits sehr nachhaltig wirtschaften und ein hohes Niveau im Bereich des Umweltschutzes erreichen. Das ist nicht verwunderlich, denn gerade dieser Aspekt wird häufig mit nachhaltigem Wirtschaften gleichgesetzt, ist durch ein unternehmensweites Umweltkonzept gut umsetzbar, spart teilweise deutlich Kosten und bringen eine gute Presse.

 

 

Herausforderungen Nachhaltigkeit annehmen

Laut einer Analyse von oekom research zeigt sich die Pharmabranche in Sachen Nachhaltigkeit doch weiterhin eher träge und reagiert mehr auf die Entwicklungen als diese mit voranzubringen.

 

Pharmaunternehmen sind daher besonders gefordert, so die Analysten, ihre Handlungsspielräume verstärkt zu nutzen und der besonderen Herausforderungen Nachhaltigkeit gezielt zu begegnen. Ein wichtiger Schritt hierzu ist eine verbesserte Transparenz der Unternehmen, ein stärkeres Engagement, Medikamente weltweit zugänglich zu machen und die Einhaltung internationaler Selbstbeschränkungen in den Bereichen Marketing und Vertrieb.

 

Beispiele für nachhaltige Pharmaunternehmen

Einige Unternehmensführungen nehmen die Herausforderung Nachhaltigkeit an und integrieren einzelne Ziele in die Konzernstrategie. So haben sich mittlerweile mehrere Unternehmen der Pharmabranche ehrgeizige Ziele zu ihrem Wasserverbrauch gesetzt. Dass die Branche hier noch einen weiten Weg vor sich hat, zeigt sich in dem Punkt, dass noch immer Medikamentenrückstände im Trinkwasser nachgewiesen werden, jedoch fast kein Unternehmen Grenzwerte für Rückstände veröffentlicht und diese konsequent einhält.

 

Dass sich eine Nachhaltigkeitsstrategie nicht auf das Installieren einzelner Umweltprojekte beschränkt, zeigte das französische Familienunternehmen Boiron, das sich auf homöopathische Arzneimittel spezialisiert hat. Das Unternehmen folgt konsequent seinen anspruchsvollen ethischen und ökologischen Standards und agiert auch ökonomisch nachhaltig im Markt. Boiron wird im Öko-Nachhaltigkeitsindex nx-25 gelistet und ist dort das einzige Pharmaunternehmen.

 

 

Bei Investitionen das Unternehmen in den Mittelpunkt rücken

Es gibt zwar eindeutig Tendenzen, dass bestimmte Branchen Nachhaltigkeitsziele stärker oder schwächer verfolgen. Generell muss jedoch immer das einzelne Unternehmen genauer betrachtet werden.

 

Gerade für Anleger, die ihr Geld ethisch und ökologisch investieren wollen, ist es wichtig, diese Differenzierung verantwortungsvoll vorzunehmen. Denn Anleger, die vielleicht anfangs den Pharmabereich völlig aus ihrem Portfolio ausgeschlossen haben, können sich mit Investitionen bei Homöopathie-Unternehmen wiederum sehr gut identifizieren.

 

Gute Beratung ist hier natürlich das A und O. Grünes Geld, erfahrener Experte für nachhaltige Geldanlagen, bietet seinen Kunden mehr als 300 ethische und ökologische Investments. So findet jeder Anlegertyp sein passendes Portfolio.

 

 

Portraitfoto Gerd Junker Gerd Junker ist Co-Gründer und Geschäftsführer der Grünes Geld GmbH. Gerd Junker: „Wir leben was wir tun! Und das ist ganz einfach, denn der doppelte Nutzen von grünen Geldanlagen ist überzeugend – die Welt verbessern und Rendite erhalten.“ Mehr zu ihm und Grünes Geld auf auf Xing, Facebook oder Twitter.
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