Autor: Jasmin Messina 13. Januar 2014

Ausverkauf im Ackerland?

Welche Ressource ist neben Wasser unabdingbar, um die Bedürfnisse einer wachsenden Weltbevölkerung zu sichern? Land – vorzugsweise fruchtbares Land! Doch dieses ist knapp und somit beginnt ein Wettrennen um profitable Agrarflächen. Denn die Bevölkerungszahl und somit die Nachfrage nach Nahrungs- und Futtermitteln wächst kontinuierlich und damit auch die Aussicht auf Profit. Auch private Anleger können sich an Investitionen im Agrarsektor beteiligen. Doch können solche Anlagen ethisch und ökologisch vertretbar sein? Die Studie „Agrarland in Entwicklungs- und Schwellenländern als neues Anlageprodukt“ von Südwind nimmt dieses Thema genauer unter die Lupe.

 

Direkte oder indirekte Investition?

 

Zunächst muss man sich ansehen, auf welche Art und Weise private Investoren an solchen Anlagen beteiligt werden können. Das kann zum einen indirekt und in den meisten Fällen relativ intransparent sein. Denn die Banken arbeiten mit unserem Geld, welches wir ihnen zur Verfügung stellen. Dieses wird unter anderem in Form von Krediten oder auch in Form von Beteiligungen z. B. über Aktien an Firmen weitergegeben. In der Regel hat der Kunde keinen Einfluss darauf, wie die Bank mit seinem Geld arbeitet und nur selten wird über die konkreten Investitionen transparent Auskunft erteilt. Nur einige wenige Umwelt- oder Ethikbanken geben dem Kunden hier ein Mitspracherecht, in welchem Bereich sein Geld eingesetzt werden darf.

Weiterhin gibt es inzwischen auch einige Wertpapierfonds im Agrarsektor. Hier veröffentlichen die Investmentgesellschaften halbjährlich umfangreiche Berichte  über die im Fonds enthaltenen Wertpapiere. Somit kann der Anleger klar erkennen, in welche Unternehmen der Fonds investiert.

 

Wertvolles Ackerland

Mit Zunahme der Weltbevölkerung steigt auch der Bedarf an wertvollen Agrarflächen.

 

Chancen und Risiken

 

Über private und institutionelle Anleger fließen Milliarden in die Landwirtschaft von Entwicklungsländern. Grundsätzlich ist das zu begrüßen, da hier Verbesserungen im Agrarsektor oft dringend notwendig sind. Allerdings wird meist der Schwerpunkt auf hohe Erträge nach Vorbild der Intensivlandwirtschaft auf der Nordhalbkugel gelegt und die Bedürfnisse und Interessen der Länder, im Besonderen der Landbevölkerung werden viel zu wenig berücksichtigt. Landgrabbing stellt vor allem in afrikanischen Ländern die Einwohner vor große Probleme. Formal hat meist der Staat die Rechte am Land. Praktisch wird dieses aber meist ohne jegliche Verträge von Kleinbauern verwaltet, bewirtschaftet (meist von Bäuerinnen) und bewohnt und stellt so deren Existenzgrundlage dar. Wird dieses Land jetzt vom Staat an Investoren verkauft oder verpachtet, wird die dort ansässige Bevölkerung vertrieben und deren Einkommensgrundlagen vernichtet. Entstehende Arbeitsplätze reichen aufgrund der industriellen Intensivwirtschaft der meist in Monokultur entstehenden Plantagen nicht aus, um die landlos gewordenen Bauern und Bäuerinnen zu beschäftigen. Und gerade Frauen werden auf den Farmen weniger angestellt als Männer. Eine Möglichkeit zur Beschäftigung außerhalb der Landwirtschaft besteht meist nicht und so werden vor allem Frauen in extreme Armut gedrängt. Ein weiteres Problem ist, dass meist nur für den Export angebaut wird und somit die lokale Ernährungssicherung gefährdet wird.

 

Auch die negativen, ökologischen Auswirkungen dürfen nicht außer Acht gelassen werden. Nicht oder kaum genutztes Land wird nach der Übernahme durch Investoren intensiv genutzt, was zu einem wesentlich höheren Wasserverbrauch führt. Die Böden werden zudem durch massiven Einsatz von Dünger und Pestiziden ausgelaugt und belastet. Auf lange Sicht zerstört dies die Fruchtbarkeit des Landes und die Auswirkungen beschränken sich nicht nur auf das lokal betroffene Gebiet. Wasserentnahme aus Flüssen oder Seen zur intensiven Bewässerung der Felder kann die Wasserversorgung von entfernteren Gemeinden negativ beeinflussen. Das benötigte Wasser wird knapp und durch die Rückführung von durch Agrochemikalien belastetem Abwasser stark verunreinigt bis unbrauchbar.

 

Plantagen in Monokultur für zum Beispiel Palmöl vernichten besonders sensible Ökosysteme wie den Regenwald. Dreiviertel des produzierten Palmöls kommen aus Indonesien oder Malaysia. Dafür werden bislang unberührte Regenwälder zerstört und ganze Arten wie zum Beispiel der Orang Utan in ihrer Existenz bedroht. Doch auch Südamerika rückt zunehmend in den Fokus von Palmöl-produzierenden Firmen. Zudem wird durch die Rodung der Urwälder extrem viel CO2 freigesetzt, welches durch den Anbau der neuen Plantagen nicht wieder ausgeglichen werden kann. Besonders in der Kritik steht hier der Konzern Wilmar, seines Zeichens weltweit führender Hersteller und Händler von Palmöl. Obwohl Mitglied des RSPO und somit als nachhaltiger Palmöllieferant zertifiziert, prangern Umweltorganisationen immer wieder die Arbeitsweise des Konzernes an. Illegale Brandrodungen und Überfälle auf die indigene Bevölkerung, um diese aus ihrem Lebensraum zu vertreiben gehören demnach zum Alltag von Wilmar.

 

Durch Brandrodung ist der Orang Utan vom Aussterben bedroht.

Palmölplantagen in Monokultur zerstören den Lebensraum zahlreicher Arten, wie z. B. den des Orang Utans. (Bildquelle: regenwald.org / Fausto Dembinki, pixelio.de)

 

Es gibt aber auch positive Beispiele. Denn die Thematik der wachsenden Weltbevölkerung führt durchaus dazu, dass es einen immensen Bedarf an Investitionen im Agrarsektor gibt. Sollen bis 2050 weltweit die erwarteten 9 Mrd. Menschen ernährt werden können, wird bis zu diesem Zeitpunkt 70 % mehr landwirtschaftliche Produktion nötig sein. Dies bedeutet jährlich zusätzliche 83 Mrd. US-Dollar an Investitionen, um die Reduktionsziele in puncto Armut und Hunger zu erreichen. Abgesehen davon, dass dies mit dem derzeitigen Konsum in den westlichen Ländern und dem steigenden Wachstumshunger in den Schwellenländern wie China oder Indien kaum zu bewältigen ist, ist es durchaus sinnvoll, Entwicklungsländer im Aufbau eines nachhaltigen Agrarsektors zu unterstützen, um die Nahrungsmittelversorgung und die Erwerbstätigkeit der einheimischen Bevölkerung zu sichern. Fakt ist, dass es aktuell keinen wirklich nachhaltigen, empfehlenswerten Agrarfonds gibt, da es derzeit zu wenige Firmen gibt, die diesem Anspruch gerecht werden können. Allerdings gibt es Projekte, initiiert von Alternativbanken, welche z. B. kleinbäuerliche Kooperativen oder faire Modelle wie Managementverträge unterstützen. Ein ökologischer Landbau und die Anwendung von sozialen Kriterien nach Fair-Trade Vorgaben werden bei solchen Projekten vorangetrieben. Ein positives Beispiel dafür ist die SEKEM-Gruppe in Ägypten, an der seit 2007 auch die GLS und die Triodos-Bank beteiligt sind.

 

Ebenso wichtig sind Investitionen in eine nachhaltige Wasserversorgung der Landwirtschaft. Das indische Unternehmen Jain Irrigation zum Beispiel ist einer der führenden Hersteller für Bewässerungssystemen, im Speziellen für Tröpfchen- und Mikrobewässerungssysteme für die Landwirtschaft. Diese sind besonders wasser- und energiesparend und somit können bis zu 50 % des herkömmlichen Wasserverbrauchs eingespart werden. Wird diese Bewässerungstechnik eingesetzt, kann dementsprechend Dünger eingespart werden, was sich nicht nur finanziell positiv auswirkt, sondern auch den Boden weniger belastet. Gerade in Regionen, welche jetzt schon unter Wassermangel  leiden und die sich im Zuge des Klimawandels noch größeren Herausforderungen ausgesetzt sehen, können solche Bewässerungssysteme eine Basis für eine Zukunftssicherung darstellen.

 

Soziale und ökologische Verträglichkeit vor Rendite

 

Wir sind der Auffassung, dass Investitionen für einen landwirtschaftlichen Strukturwandel in Entwicklungs- und Schwellenländern dringend notwendig sind. Diese dürfen sich allerdings nicht an reinen Profiterwartungen orientieren, sondern müssen sich den örtlichen Gegebenheiten der Landwirtschaft und der Bevölkerung orientieren. Auch mittelfristig führen hohe Renditeerwartungen von Investoren dazu, dass eine Entwicklung in Richtung einer ökologischen und sozial verträglichen Landwirtschaft kaum möglich sein wird. Ein wichtiger Punkt, um diesen Prozeß zu unterstützen ist mit Sicherheit auch die Bildung der Einheimischen. Bildung und Wissen verschafft die Möglichkeit zu einer unabhängigen Meinungsbildung und Selbstbewusstsein. Dies sind Eigenschaften, welche für die Bevölkerung in Entwicklungsländern von unschätzbarem Wert sein können, wenn es darum geht, ihre Rechte gegenüber skrupellosen Großinvestoren zu verteidigen. Wenn wir Ihnen also keinen Agrarfonds mit gutem Gewissen empfehlen können, so sind doch Mikrofinanzkredite eine gute Möglichkeit, den Strukturwandel dort, wo er dringend benötigt wird voranzutreiben.

 

 

 

 

 

Verfasser des Beitrages

Jasmin Messina-Hamann unterstützt die Grünes Geld GmbH als Berater-Assistentin. Jasmin Messina-Hamann:”Ich freue mich, dass ich – neben meinem persönlichen Engagement (z. B. bei Greenpeace) – beruflich meinen Teil dazu beitragen kann, dass Nachhaltigkeit auch in der Finanzbranche kein Fremdwort mehr ist. Die Macht des eingesetzten Kapitals kann die Welt zum positiven verändern.”

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