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Ende des Atomzeitalters – Toshiba manövriert sich ins Aus

Freitag, 28. April 2017
Zusammenfassung: Im Jahr sechs nach der Katastrophe im japanischen Atomkraftwerk Fukushima befinden sich Atomunternehmen zunehmend in Schwierigkeiten. Gerade meldete Westinghouse, einer der führenden Hersteller von Atomkraftwerken, Konkurs an. Aber auch der japanische Mutter-Konzern Toshiba strauchelt. Höchste Zeit für Unternehmen, die Zeichen der Zeit zu erkennen und auf umwelt- und klimafreundliche Energiegewinnung zu setzten.

 

 

Lange Zeit war Toshiba in erster Linie als Elektrokonzern bekannt.

Der japanische Technologiekonzern Toshiba steht aktuell vor einer ungewissen wirtschaftlichen Zukunft. Nachdem Toshiba im vergangenen Monat seine Unternehmensgesellschaft Westinghouse in den Konkurs schicken musste, ist ein Ende der Krise nicht in Sicht: Bereits seit mehreren Jahren belastet eine Affäre um manipulierte Bilanzen den japanischen Konzern. Darüber hinaus leidet das Unternehmen finanziell unter Milliardenverlusten durch seine Atomgeschäfte. Generell hat allerdings auch das uneingeschränkte Bekenntnis von Toshiba zur Kernkraft dem Unternehmen stark zugesetzt.

 

 

Ein Unternehmen mit Geschichte

Die Toshiba Corporation ist im japanischen Aktienindex Nikkei gelistet und zählte in der Vergangenheit zu den weltweit führenden Herstellern von elektrischen und elektronischen Geräten. Dabei blickt der Konzern auf eine lange Firmengeschichte zurück. Das Unternehmen entstand bereits 1939 durch den Zusammenschluss zweier Firmen aus dem Elektrotechnik- und Konsumgüterbereich und wuchs in den darauf folgenden Jahrzenten vor allem durch Firmenübernahmen im Bereich der Schwerindustrie. Seit 1978 firmiert der Technologie-Riese „Tokyo Shibaura Denki“ unter dem Kurznamen Toshiba. Seit den siebziger Jahren engagierte sich das Unternehmen auch im Bau von Kernkraftwerken. Der breiten Öffentlichkeit ist Toshiba allerdings in erster Linie durch seine Aktivitäten im Bereich der Unterhaltungselektronik und Chip-Technologie bekannt.

 

 

Führender Atomkraftkonzern

Risiken der Atomenergie sind spätestens seit Fukushima bekannt.

Im März 2011 erschütterte die Reaktorkatastrophe im japanischen Atomkraftwerk Fukushima-Daiichi die Welt. Wenig beeindruckt zeigte sich damals allerdings die Unternehmensleitung von Toshiba. Diese bekannte sich weiter uneingeschränkt zur Kernkraft als Energieerzeugung der Wahl. Schließlich werde dabei kaum CO2 erzeugt und zudem preisgünstig Strom produziert. Mögliche Unfälle müsse man dabei eben in Kauf nehmen.

 

Nachdem das US-amerikanische Unternehmen General Electric (GE) Ende der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts die ersten beiden Reaktorblöcke in Fukushima gebaut hatte, ging der Ausbau in den folgenden Jahren unter japanischer Führung weiter. Block 3 von Fukushima-Daiichi wurde Ende 1970 von Toshiba errichtet, ebenso wie die meisten japanischen Atommeiler an anderen Standorten. Das Geschäft lief, Toshiba setzte auch in den folgenden Jahren auf Atom, baute das Geschäftsfeld weiter aus und kaufte in diesem Bereich Unternehmen zu. Anfang des Jahres 2006 übernahm Toshiba für 5,4 Milliarden Dollar den US-Kraftwerksanbieter Westinghouse Electric.

 

Westinghouse befand sich seit 1998 im Besitz des britischen Staatskonzerns British Nucelar Fuels plc. (BNFL), unter anderem Betreiber des Atomkraftwerks Sellafield, das durch die Brandkatastrophe 1957 und zahlreiche folgende nukleare Störfälle unrühmlich Bekanntheit erlangt hatte.

 

Toshiba gelang es, sich in einem monatelangen Bieterstreit um Westinghouse gegen die seine Mitbewerber GE und das japanische Unternehmen Mitsbubishi Heavy Industries durchzusetzen. Westinghouse verzeichnet zum Zeitpunkt der Übernahme einen Jahresumsatz von 1,9 Milliarden US-Dollar. Das Unternehmen verfügte über 34 Betriebe mit rund 8.000 Mitarbeitern in 14 Ländern. Wie Toshiba blickte Westinghouse bereits auf eine lange Firmengeschichte zurück, die Ende des 19. Jahrhunderts in den USA ihren Anfang nahm. Als aufstrebendes Elektronikunternehmen hielt Westinghouse das Patent für Wechselstromübertragung, engagierte sich im Bau von Elektrofahrzeugen und zählte prominente Forscher wie Nikola Tesla zu ihren frühen Mitarbeitern. In den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts lieferte Westinghouse das Konzept für Kernkraftwerke mit Druckwasserreaktoren und stieg zu einem führenden Nuklear-Unternehmen auf. Bis zur Übernahme durch Toshiba hatte Westinghouse fast 100 Atommeiler geliefert.

 

Mit der erfolgreichen Akquise von Westinghouse avancierte Toshiba zum weltweit führenden Atomkraft-Konzern.

 

 

Die Zeichen der Zeit erkennen: Ende des Atomzeitalters einläuten

Dass 2006 ein vergleichsweise hoher Preis für Westinghouse erzielt werden konnte, hängt Branchenkennern zufolge mit der Spekulation auf eine wachsende Nachfrage nach Atomkraftwerken zu diesem Zeitpunkt zusammen. Toshiba habe zum einen mit Aufträgen aus den USA und dem europäischen Markt gerechnet, zum anderen kalkulierte das Unternehmen auch mit Aufträgen aus China und weiteren Staaten Asiens.

 

Erneuerbare Energien lösen Atromkraftwerke ab.

Der Reaktorunfall am 11. März in Fukushima fünf Jahre später läutete den Anfang des Endes des weltweiten Atomzeitalters ein: Aufgrund eines Erdbebens und eines folgenden Tsunamis kam es zu einer Explosion im japanischen Atomkraftwerk Fukushima I. Die Ereignisse führten zu mehreren Kernschmelzen. Die Reaktorblöcke 1 bis 4 wurden zerstört. Dabei wurden erhebliche Mengen an Radioaktivität freigesetzt und Luft, Boden und Meer kontaminiert. Das Ausmaß der Strahlenbelastung wird auf das Doppelte der atomaren Verseuchung nach dem Super-Gau von Tschernobyl im April 1986 geschätzt. Rund 170.000 Einwohner rund um Fukushima mussten umgesiedelt werden. Das gesamte Ausmaß des – nach der internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse – „katastrophalen Unfalls“ lässt sich nicht exakt bemessen.

 

International ließ jedoch die einstmalige Begeisterung für Atomenergie merklich nach. In Japan wurden die laufenden Planungen für den Bau von Kernkraftwerken erneut geprüft, mehrere Kernkraftbetreiber legten ihre Projekte auf Eis. Darüber wurde die nationale Atomaufsichtsbehörde vom Wirtschaftsministerium getrennt. Dieses hatte die Atomenergie im Land stark gefördert. Seit 2012 ist die Aufsicht im Umweltministerium angesiedelt. Darüber hinaus wandelte sich die gesellschaftliche Einstellung in Japan. Erstmals kam es zu nennenswerten Protesten gegen die Kernenergie. Umfragen zufolge stieg die Ablehnung von Atomenergie in der Bevölkerung rasant auf fast 50 Prozent. Eine stärkere Nutzung Erneuerbarer Energien rückte zunehmend in den Mittelpunkt der politischen Diskussion.

 

Innerhalb der Europäischen Union wurden unter dem Einfluss von Fukushima freiwillige Stresstests im allen Atomkraftwerksbetreibern vereinbart. Im Abschlussbericht wurde nahezu allen europäischen Atomkraftwerken Sicherheitsmängel und Defekte bescheinigt.

 

In Deutschland entstand eine Debatte über die weitere Nutzung der Atomenergie und die Laufzeiten der laufenden Kernkraftwerke. Bereits im Juni 2011 wurde der völlige Ausstieg aus der Kernenergie bis 2022 verabschiedet. Im weiteren Verlauf wurde die Energiewende in Deutschland beschlossen. Entsprechend sollen Erneuerbare Energien als bezahlbare Alternative zur Atomenergie gefördert werden. Bis zum Jahr 2025 sollen dann Sonne, Wind und andere regenerative Quellen mindestens 40 Prozent der Stromversorgung ausmachen. Außerdem soll Energie effizienter genutzt werden. Im Zuge dieser Zielsetzungen wird beispielsweise die energetische Sanierung von Gebäuden sowie die Mobilität mit Elektrofahrzeugen mit speziellen Programmen gefördert. Die Energiewende stößt innerhalb der Bevölkerung auf breite Akzeptanz, der Anteil der Kernkraftgegner beträgt immerhin rund 70 Prozent.

 

 

Zwischenschritt: Die Sowohl-als-auch-Politik

Weltweit fielen die Reaktionen unterschiedlich aus. Die Volksrepublik China fror 2011 die Genehmigungsverfahren für seine geplanten Kernkraftwerke vorübergehend ein. Mittlerweile investiert das Land jedoch wieder massiv in die Kernenergie

 

Allerdings ist der Energiebedarf der aufstrebenden Wirtschaftsmacht enorm. Das Land schickt sich gleichzeitig an, weltweit eine führende Rolle im Ausbau der Erneuerbaren Energien zu spielen.

 

Dieses Verhalten ist durchaus beispielhaft. Auch viele weitere Staaten haben sich noch nicht von der Kernkraft verabschiedet. Erneuerbare Energien haben sich jedoch zeitgleich zu einer ernstzunehmenden Alternative entwickelt.

 

 

Toshiba auf Talfahrt

Toshiba hat es den Stecker gezogen.

Toshibas Talfahrt macht sich bereits seit einigen Jahren bemerkbar. Vor zwei Jahren wurde bekannt, dass das Unternehmen regelmäßig zu hohe Gewinne ausgewiesen. In der Folge vermeldete das Unternehmen Milliardenverluste und musste bereits rund 7.000 Stellen streichen. Nun stehen mehr als 100.000 Arbeitsplätze allein in Japan auf dem Spiel. Der aktuelle Quartalsbericht wies Verluste in Höhe von rund 4,7 Milliarden Euro für die vergangenen neuen Monate aus, für das Gesamtjahr werden Verluste von bis zu 8,4 Milliarden Euro erwartet.

 

2016 trennte sich Toshiba vom Bereich Medical Systems sowie von seinen Hausgeräten. Aktuell hat darüber hinaus eine außerordentliche Hauptversammlung die Abspaltung des Geschäfts mit Speicher-Chips beschlossen. Für diesen Unternehmensbereich interessieren sich bereits mehrere Mitbewerber. Das höchste Gebot soll derzeit vom taiwanesischen Elektronikhersteller Foxconn vorliegen. Die japanische Regierung fürchtet nun auch um die strategisch bedeutsame Technologie-Expertise des Landes und versucht heimische Investoren zum Bieten zu bringen.

 

Abzuwarten bleibt, ob Toshiba mit seinem Ausverkauf die drohende Insolvenz abwenden kann. Toshiba selbst äußerte bereits Zweifel an der Rettung des Unternehmens, Finanzanalysten dagegen halten das angeschlagene Unternehmen zu groß und bedeutend zum Scheitern und gehen davon aus, dass gegebenenfalls der japanische Staat eingreifen wird.

 

Abschreibungen in Höhe von mehreren Milliarden US-Dollar haben das Eigenkapital des Unternehmens stark angegriffen. Die Abschreibungen mussten für die von Westinghouse übernommene CB&I-Tochter Stone & Webster vollzogen werden, die als Konsortialpartner beim Bau und Rückbau von Kernkraftwerken fungierte. Die Beteiligungen am Bau von Atomkraftwerken im Südosten der USA hatte zu massiven finanziellen Schwierigkeiten geführt, so dass am 29. März das offizielle Insolvenzverfahren gegen Westinghouse eingeleitet wurde. Ursachen liegen möglicherweise auch in einer mangelnden Routine im Bau von Atomraftwerken. Ohne eingespielte Lieferketten kommt es rasch zu Verzögerungen und entsprechend zu Verteuerungen. Bereits vor dem endgültigen Aus der Toshiba-Tochter hatte das Unternehmen beschlossen, aus wirtschaftlichen Gründen den Bau neuer Atomkraftwerke einzustellen.

 

US-Energieexperte Richard Nephew vom Center on Global Energy Policy der Columbia Universität sieht – laut New York Times – in Westinghouse einen Präzedenzfall für Unternehmen aus dem Bereich der Atomenergie, die durch das steigende Angebot an kostengünstigen Erneuerbaren Energien hohe Verluste in Kauf nehmen müssen.

 

Für diese Annahme spricht, dass auch der französische Bauer von Atomkraftwerken, Areva, in ähnlichen Schwierigkeiten steckt. Der Staatskonzern musste ebenfalls in den letzten Jahren hohe finanzielle Verluste verkraften und hinkt beim Bau eines Reaktors Flamanville im Westen Frankreichs in der Fertigstellung bereits mehrere Jahre hinterher. Auch die einstmals veranschlagten Kosten haben sich mittlerweile verdreifacht. Seit 2016 gehört Areva zum ebenfalls staatlichen Energiekonzern EDF, der auch für den Bau des umstrittenen neuen Atomkraftwerks Hinkley Point C in Großbritannien verantwortlich zeichnet.

 

 

Erneuerbare Energien – eine echte Alternative

Energieexperte  Fell sieht das Ende der Atom-Ära gekommen.

Energieexperte Hans-Josef Fell, Präsident der Energy Watch Group (EWG) sieht im Beispiel der Areva-Rettung nicht nur ein Festhalten des Staates an einer überkommenen Atompolitik, sondern auch eine ruinöse staatliche Haushaltspolitik. Schließlich lassen sich Erneuerbare Energien sauber, sicher und kostengünstig produzieren.

 

Kritiker haben bereits seit den fünfziger Jahren immer wieder auf die Risiken und unumkehrbaren Folgen der Atomenergie hingewiesen. Dennoch bedurfte es mit Fukushima einer mächtigen Katastrophe in einer hochentwickelten Industrienation, um endlich gezielt klima- und umweltfreundliche Energiegewinnung voranzubringen.

 

Der Fall von Toshiba zeigt, dass Unternehmen mehr denn je gefordert sind, die Zeichen der Zeit frühzeitig und richtig zu deuten. Investitionen in Anlagen die Unternehmen aus dem Bereich der Atomenergieerzeugung beinhalten, wie dies bei konventionellen Aktienfonds häufig der Fall ist, bergen damit in diesem Bereich höhere Risiken. Alternativen im ethisch-ökologischen Bereich stehen umfassend zur Verfügung. Grünes Geld, Experte für nachhaltige Geldanlagen, bietet seinen Kunden eine breite Auswahl an lukrativen Investments in Erneuerbare Energien.

 

 

 

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Carmen Junker

Verfasser des Beitrages: Carmen Junker ist Gründerin der Grünes Geld GmbH und Geschäftsführerin der Grünes Geld GmbH. Carmen Junker:“ Ein Grund mein berufliches Wirken speziell auf die Nachhaltige Geldanlage auszurichten ist, die Welt ein Stück positiver zu gestalten mit den Mitteln und Kenntnissen die mir zur Verfügung stehen. Aus der Verantwortung für die kommende Generation und weil ich selbst noch einige Jahre auf diesem schönen Planeten verbringen möchte“.