Mit ‘Börsenjahr’ getaggte Artikel

Was Rezession für Anleger wirklich bedeuten würde

Donnerstag, 30. Januar 2020

 

Rezession in Deutschland? So schnell, wie das R-Wort in den Medien auftaucht, verschwindet es oft auch wieder. Die Furcht bei Anlegern aber bleibt. Zu Recht? Nicht unbedingt – denn hierzulande waren alle Rezessionsphasen in Wirklichkeit hervorragende Börsenjahre.

 

„Rezession“ ist für Anleger ein Schreckenswort. „Anleger sollten sich  warm anziehen“, „Furcht vor Rezession verschreckt Anleger“, „Die große Angst“ – so lauten die Schlagzeilen, wenn schlechte Konjunkturdaten veröffentlicht werden. Im Spätsommer letzten Jahres mehrten sich Meldungen dieser Art. Auch wenn inzwischen wieder weniger gewarnt wird – die Angst bei vielen Anlegern sitzt tief.

 

Und der Reflex: Anleger wollen risikobehaftete Anlageklassen wie Aktien aus dem Portfolio nehmen, weil sie verunsichert sind und nachlassende Unternehmensergebnisse erwarten. Wirklich zielführend ist das für kaum jemanden. Denn in heutiger Zeit ohne risikolosen Zins gefährdet der Verzicht auf Aktien das Ziel der langfristigen Vermögensbildung. Und wirklich gerechtfertigt
ist es auch nicht, wie ein durchaus überraschender Blick auf die Rezessionen im Nachkriegsdeutschland  zeigt.

 

Doch zunächst zu den Konjunkturfakten:

 

 

Deutschland ist zumindest offiziell ganz knapp an einer Rezession vorbeigeschrammt. Die von vielen erwartete „technische Rezession“, also ein rückläufiges oder stagnierendes BIP in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen, blieb aus. Nach dem BIP-Rückgang um 0,2 % im zweiten Quartal meldete das Statistische Bundesamt für das dritte Quartal ein kleines Plus von 0,1 %. Das hat viele durchaus überrascht. Die Daten für das Schlussquartal 2019 stehen noch aus.

 

Alarmsignale – besonders aus der Industrie

Alarmsignale in Sachen Konjunktur gibt es nach wie vor. Welches Gewicht sie in der Einschätzung von Experten und in der Beachtung durch die Medien erhalten, bleibt allerdings offen. So ist der ifo Geschäftsklimaindex, der als wichtiger und verlässlicher Frühindikator gilt, zuletzt zwar wieder gestiegen, bleibt aber deutlich unter dem Niveau der Vorjahre. Die Einschätzung
der konjunkturellen Lage für Deutschland durch Finanzexperten aus Banken, Versicherungen und großen Industrieunternehmen fiel – gemessen am ZEW-Lageindikator – im Oktober 2019 auf den niedrigsten Wert seit April 2010. Die Arbeitslosenquote ging seit September – erstmals seit langer Zeit – im Vorjahresvergleich kaum noch zurück.

 

Und eine Welle des Arbeitsplatzabbaus rollt über das Land: Besonders betroffen sind Zulieferer für die Automobilindustrie. Letzteres passt ins Bild. Denn die Wirtschaft hierzulande zeigt sich konjunkturell zweigeteilt. Der Einkaufsmanagerindex (EMI) der Industrie in Deutschland gab von Oktober 2018 bis Oktober 2019 von 52,2 auf 42,1 Punkte mehr als deutlich nach. Werte unter 50 gelten als Boten der Rezession. Und die ist nach Meinung von Experten bei der industriellen Produktion schon da: „Die Industrie befindet sich in der Rezession, ihre Produktion ist seit gut eineinhalb Jahren rückläufig“, hieß es im gemeinsamen Herbstgutachten der fünf größten deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute. Während die Rezession im Industriesektor also schon angekommen ist, zeigt sich der Dienstleistungsbereich robust.

Rezession in Deutschland? Na und?

Die Schlaglichter auf die Datenlage machen deutlich: Die Rezessionsangst könnte jederzeit wieder befeuert werden. Und selbst wenn sie aktuell unbegründet erscheint wird sie uns und wird sie Anleger hierzulande weiter begleiten. Doch was wäre denn überhaupt, wenn die Zeichen in Deutschland wirklich und eindeutig auf Rezession stünden?
Dann wären erst einmal Übersicht und Ruhe bewahren gefragt: Der Blick sollte nicht allein den Wachstumsraten in Deutschland gelten. Denn weltweit und selbst in Europa gibt es noch Länder mit ordentlichem Wachstum, an dem Aktienanleger teilhaben können, wenn sie global diversifiziert investiert sind.

 

So prognostizierte der IWF für dieUSA 2020 immer noch ein BIP-Wachstum von 2,1 %, für China 5,8 %, für Indien 7 % und für fünf ASEAN-Länder (Indonesien, Malaysia, Philippinen, Thailand, Vietnam) 4,9%. In Europa sticht Spanien, trotz abschwächender Dynamik, mit 1,8 % heraus. Für die Weltinsgesamt ergibt sich dem IWF zufolge für 2020 immer noch ein Plus von 3,4 % nach 3% im Jahr 2019 – also keine Spur von krisenhaftem Einbruch aus globaler Sicht. Es lohnt sich daher, über die Grenzen des eigenen Wirtschaftsraums hinauszublicken. Wenn es eines weiteren Nachweises bedurft hätte, wie sinnvoll und wichtig ein global diversifiziertes Anlageportfolio ist – dies wäre einer.

 

Rezessionsjahre – gute Jahre an der Börse

Und deutsche Aktien in Zeiten von Rezession in Deutschland? Müsste man nicht diese dann wenigstens loswerden oder ihren Anteil im Portfolio reduzieren? Die überraschenden Fakten: Historisch gibt es dafür überhaupt keinen Grund. Eine rückläufige Wachstumsrate beim BIP war für Anleger hierzulande kein Schreckensszenario. ImGegenteil: In der Geschichte der Rezessionen in Deutschland seit 1945 galt bisher die Regel Rezessionsjahre sind gute, oft hervorragende Börsenjahre, die man nicht verpassen sollte.

 

Seit dem Zweiten Weltkrieg hat es in Deutschland sechs Rezessionen gegeben, in denen das reale  BIP für ein ganzes Kalenderjahr absolut zurückgegangen ist. In diesen Jahren stieg der deutsche Aktienindex jeweils um mehr als 10 %7. In der vom Platzen der Dot-Com-Blase ausgelösten Rezession 2002/03, als die BlP-Entwicklung zwei Jahre in Folge mit Minuszeichen versehen war, brachte 2003 fast rekordverdächtig ein Plus von beinahe 40 %. Als das BIP im Jahr nach der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise von 2009 um 5,7 % einbrach, stieg der DAX um fast 25 %. 1993 ging das BIP um 1 % zurück, der Index bewegte sich aber um satte 47% nach oben (siehe Grafik oben).

 

Das heißt nicht, dass Rezessionen an den Börsen keine Spuren hinterlassen. Sie sind natürlich verantwortlich für temporär schwache bzw. nachgebende Kurse an den Kapitalmärkten. Aber die sich immer wieder bestätigende Logik lautet: An der Börse wird die Zukunft gespielt. Eine bevorstehen de Abschwächung der Wirtschaft wird an den Börsen schon vorher eingepreist. So waren die Jahre vor dem Einsetzen einer Rezession in der Vergangenheit bestenfalls maue und oft auch miserable Börsenjahre. Wächst die Wirtschaft dann tatsächlich weniger oder schrumpft sie, wird schon wieder auf eine Erholung gesetzt. Von daher ist die Nachricht „die Rezession ist da“ meist als Signal des Aufbruchs zu neuen Chancen zu werten. Wer den verpasst, weil er geradedann nicht mehr in Aktien investiert ist, vergibt womöglich die größten Potenziale.

 

Die Anleihemärkte zeigten sich übrigens in der Vergangenheit noch sensibler in der Vorwegnahme konjunktureller Abwärtsbewegungen. Gemessen etwa am Performanceindex für deutsche Rentenpapiere (REX-P), ließen sich für Anleger beispielsweise in den deutschen Rezessionsjahren 1975, 1982 und 1993 deutlich zweistellige Renditen erzielen. Die Rezessionen der Jahre 2003 und 2009 nahmen die Renditen der Rentenmärkte sogar im jeweiligen Vorjahr vorweg. Da kein Ende des Nullzinses erwartet wird, dürften Anleihen diese Anzeichenfunktion künftig immer weniger erfüllen und die Aussicht auf zweistellige Erträge bei deutschen Staatsanleihen besteht realistisch auch nicht mehr.

Nicht die Nerven verlieren

Für Anleger gilt daher: Nicht in blinden Aktionismus verfallen! Wenn eine technische Rezession vorliegt. ist das kein guter Zeitpunkt für den Abbau von Aktienpositionen. Aktien zu halten oder sogar sukzessive die Aktienexponierung – in einem diversifizierten Portfolio – auszubauen dürfte zumindest aus der historischen Erfahrung die bessere Strategie sein.
Für Langfristanleger gilt ohnehin, dass sie sich über kurzfristige Schwankungen keine Gedanken zu machen brauchen.

 

Auf- und Abschwung gehören zur Marktwirtschaft ebenso wie zur Börse. Und auf lange Sicht ging es schon immer aufwärts. Das lässt sich zumindest mit Blick auf die Vergangenheit (und wie immer ohne Zukunftsgarantie) jedenfalls für Deutschland belegen. Das Renditedreieck des Deutschen Aktieninstituts belegt: Wer 1968 eingestiegen ist und DAX-Werte 50 Jahre gehalten hat, kam Ende 2018 auf eine Rendite von 7,9 % im Jahr. Bei Kauf vor 25 Jahren ergab sich ein Plus von 6,3 %, bei 15 Jahren 6,7 % im Jahr. Zahlen, mit denen die meisten langfristig orientierten Anleger als Renditeaussichten durchaus gut leben könnten. Nur dürfen sie dazu eines nicht tun – sich zur falschen Zeit von Aktien abwenden.

Gewinne und Beschäftigung sinken,Unternehmen geraten in Schwierigkeiten. Die Phase vor dem unteren Wendepunkt ist die Depression (Krise), unter anderem gekennzeichnet durch hohe Arbeitslosigkeit, geringe Kapazitätsauslastung und Investitionen. Im Schema des Konjunkturzyklus markiert die Depression den Wendepunkt noch oben. Wirklich krisenhafte Entwicklungen, die viele land läufig mit dem Begriff der Depression verbinden (z.B. die Große Depression vor dem Zweiten Weltkrieg im Nachgang zum Börsencrash 1929) sind historisch die große Ausnahme.

Definitionen der Phasen uneinheitlich

Es gibt unterschiedliche Definitionen dazu, was die jeweiligen Phasen ausmacht. Je nach zugrunde gelegter Theorie, verfügbaren Indikatoren und den für die einzelnen Volkswirtschaften maßgeblichen Gremien. Beispiel Rezession: Während hierzulande zwei aufeinanderfolgende Quartale mit gleichbleibendem oder fallendem BIP als definierendes Merkmal einer Rezession
gelten, sieht es in den USA anders aus.

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