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Fukushima–zwei Jahre danach

Freitag, 15. März 2013
Am vergangenen Montag jährte es sich zum zweiten Mal. Das Beben am 11.03.2011 in der Tiefsee vor Japan, das zunächst das Land erschütterte, anschließend mit kaum gekannter Gewalt einen Tsunami über Teile des Landes jagte und danach auch die ganze Welt bewegte. Das wahre Ausmaß dieses Ereignisses wurde uns erst nach und nach bewusst. Und dann nach einigen Stunden auch noch die Meldung, dass ausgelöst durch den Tsunami die Gefahr eines Reaktorunfalls im Atomkraftwerk Daiichi bei Fukushima bestand. Plötzlich blickte die ganze Welt gespannt nach Fukushima. Die Behörden wiegelten ab, dass alles unter Kontrolle sei und keine Kernschmelze zu befürchten wäre. Doch die Bilder, die von den zerstörten Reaktoren um den Globus gingen, sprachen eine andere Sprache. Heute wissen wir, dass durch eine Verkettung von unglücklichen Ereignissen, ausgelöst durch das Beben und zuletzt durch menschliche Bedienungsfehler der Notfallkühlsysteme, eine Serie von Unfällen erfolgte, die dazu führte, dass die Blöcke 1 bis 4 des Kraftwerkes zerstört wurden und durch eine Kernschmelze eine erhebliche Menge an Radioaktivität freigesetzt wurde.
 
Fast 20.000 Menschen starben in Folge des Bebens und mehr als 100.000 Menschen mussten ihre Heimat verlassen. Dieses Unglück hat uns alle bewegt und bestürzt und viele Veränderungen hervorgerufen – auch hier in Deutschland. Die wachsende Angst der Bevölkerung eines Atomunfalles in einer der Anlagen der Bundesrepublik trieb die Menschen auf die Straße. Schließlich war Tschernobyl bei den meisten noch längst nicht aus der Erinnerung verdrängt. Und somit wurde unter dem wachsenden Druck eine große Kehrtwende in der Politik beschlossen. Hatte nicht die Regierung unter Führung von Angelika Merkel erst im Jahr zuvor den Ausstieg aus dem Ausstieg aus der Atomkraft beschlossen, so wurde nach einem Atom-Moratorium im Mai 2011 beschlossen, 8 Kernkraftwerke in Deutschland endgültig vom Netz zu nehmen und bis 2022 komplett aus der Atomkraft auszusteigen. Die Energiewende nahm wieder Fahrt auf. Investitionen in die Atomindustrie gerieten in die Kritik und Anlagen in erneuerbare Energien stiegen an. Doch wie sieht es heute aus?
 
Ausgelöst durch das Beben entwickelte der Tsunami eine zerstörerische Kraft ungeahnten Ausmaßes.

Ausgelöst durch das Beben entwickelte der Tsunami eine zerstörerische Kraft ungeahnten Ausmaßes.

 
Schleppender Wiederaufbau
 
Die Trümmer in Japan sind nahezu beseitigt  doch der Wiederaufbau stockt. Laut Angaben in den japanischen Medien sind erst 5 Prozent wiederaufgebaut. Gerade in den ländlichen Gebieten jenseits der Hauptinfrastruktur, die am schwersten vom Tsunami betroffen waren, kommt der Prozess nur schwer in Gang. Die Behörden möchten die Gelegenheit zum längst überfälligen Strukturwandel nutzen und die Neuansiedelung in höher gelegene Gebiete vornehmen. Die vornehmlich ältere Bevölkerung in diesen ländlichen Lagen möchte aber möglichst wenig ändern. Das führt zu Konflikten und Verzögerungen. Neue Baugenehmigungen zu nah an der Küste werden nicht erteilt. Wessen Haus der Katastrophe allerdings standhielt, den kann man nicht zu einem Umzug zwingen.
 
In der Evakuierungszone rund um den Unglücksreaktor beginnen die Dekontaminierungsarbeiten. Der Staat hat veranlasst, das Erdreich großflächig mindestens 5 cm tief abzutragen und Blätter und Gras aufzusammeln. Da es für dieses Material kein Zwischenlager gibt, sammeln sich zu tausenden schwarze Säcke auf Feldern, Höfen oder an Straßenrändern und bilden so kleine Atommüllhalden. Wo kein schweres Gerät zur Verfügung steht, sieht man Menschen, die mit Papiertüchern Häuser abwischen. Teilweise wird den Menschen tagsüber eine Rückkehr in die Evakuierungszonen erlaubt. Kritiker vermuten, dass die Regierung damit den Widerstand der Bevölkerung gegen das Wiederanfahren der abgeschalteten Atomkraftwerke aufweichen will. Weiterhin könnten so die enormen Entschädigungsansprüche gesenkt werden. Nach dem Unglück von Fukushima wurden sämtliche Reaktoren heruntergefahren. Aktuell sind von den 50 Anlagen im Land nur zwei in Betrieb. Die Regierung Japans verkündete im September 2012, dass Japan bis zum Ende der 2030er Jahre vollständig aus der Atomenergie aussteigen will. Die neue Regierung machte diese Ankündigung allerdings rückgängig und möchte – wie der neue Regierungschef Abe beteuert –  mit den striktesten Sicherheitsstandards der Welt weiterhin auf Energie aus Atomkraft setzen. Die Anti-Atom-Aktivisten Japans hoffen, die gewachsene Ablehnung der Bevölkerung dazu aufrecht erhalten zu können.
 
Die Ablehnung der Bevölkerung gegen die Atomkraft ist groß. (Bild dpa)

Die Ablehnung der Bevölkerung gegen die Atomkraft ist groß. (Bild dpa)

 
Die gesundheitlichen Folgen der Katastrophe sind nach wie vor kaum abzuschätzen. Allerdings ist es erschreckend, dass alleine in der Präfektur Fukushima mehr als 55.000 Kinder mit Schilddrüsenzysten und –knoten gemeldet wurden. Bei Kindern ist eine solche Veränderung der Schilddrüse als “Krebsvorstufe” anzusehen. Auch das Meer und die Lebensmittel aus der Umgebung sind weiterhin stark radioaktiv belastet. Mediziner erwarten 30.000 bis 40.000 zusätzliche Krebserkrankungen alleine durch strahlenbelastete Lebensmittel.
 
Wachsendes Bewusstsein in Deutschland
 
In Deutschland ist der Ausstieg aus der Atomenergie per 2022 zwar beschlossen, allerdings wird die Energiewende derzeit von einigen Seiten torpediert. Die erneuerbaren Energien seien verantwortlich für den Anstieg der Strompreise. Tatsächlich wird Strom aus regenerativen Quellen an der Strompreisbörse meist günstiger gehandelt als der konventionell erzeugte Strom. Teurer macht ihn dann das EEG, welches die Differenz zur festgeschriebenen Einspeisevergütung festlegt um den Ausbau der Erneuerbaren zu fördern. Allerdings sind von dieser Umlage zahlreiche Unternehmen befreit und somit erhöht sich die Last für den Privatverbraucher. Zudem geht in der Diskussion ob Strom aus Atomkraft oder aus regenerativen Energien günstiger ist, ein Punkt meist völlig unter, der bislang ungeklärt ist: die Endlagerung der hochradioaktiven Abfälle aus den Reaktoren. Können die Kosten dafür und die Auswirkungen auf die Umwelt überhaupt beziffert werden?
 
Das Bewusstsein in Deutschland hat sich seit Fukushima deutlich verändert. Nach wie vor befürwortet ein Großteil der Bevölkerung den Ausstieg aus der Kernkraft und auch die privaten Investitionen in alternative Projekte zur Stromerzeugung bzw. in Gesellschaften, die im Bereich der Energieeffizienz arbeiten, nehmen kontinuierlich zu. Anleger können anhand von Ausschlusskriterien gezielt steuern, dass Ihr Geld nicht in die Atomindustrie investiert wird. Und die vier Alternativbanken GLS, Umweltbank, EthikBank und Triodos verzichten auch vollständig auf Geschäfte in diesem Bereich – im Gegensatz zu anderen deutschen Großbanken wie die Deutsche Bank oder die HypoVereinsbank/UniCredit, die Konzerne wie zum Beispiel Areva mit Milliardenkrediten versorgen. Auch die Bundesregierung will den Bau von Atomkraftwerken im Ausland weiterhin mit Bürgschaften aus Steuergeldern unterstützen. Der bewusste Bürger hat aber durchaus die Möglichkeit, die Energiewende voranzutreiben. Das beginnt beim bewussten Verbrauch von Strom und dem Wechsel zu einem der vier echten Ökostromanbieter und geht dahin, dem Markt das Kapital für Investitionen in die Atomindustrie zu entziehen, indem man gezielt in alternative Projekte investiert. Die bewusste Kapitalanlage und Wahl der Bank, sind ein großer Schritt um Veränderungen zu bewirken.
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Verfasser des Beitrages

Jasmin Messina-Hamann unterstützt die Grünes Geld GmbH als Berater-Assistentin. Jasmin Messina-Hamann:”Ich freue mich, dass ich – neben meinem persönlichen Engagement (z. B. bei Greenpeace) – beruflich meinen Teil dazu beitragen kann, dass Nachhaltigkeit auch in der Finanzbranche kein Fremdwort mehr ist. Die Macht des eingesetzten Kapitals kann die Welt zum positiven verändern.”