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Was bedeutet der Absturz der Türkei für uns?

Montag, 27. August 2018
Das Sommerloch wurde dieses Jahr mit verängstigenden Wirtschaftsnachrichten über dei Türkei gefüllt. Statt Krokodils-Geschichten sollen dieses Mal Wirtschaftsnachrichten die Deutschen zum Kaufen von Zeitungen und Zeitschriften verführen? Wir schauen uns an, wie gefährlich die Wirtschafts- und Währungskrise der Türkei wirklich ist.

 

 

1.) Das grundlegende Problem der Türkei

 

Im Jahr 2002 wurde die AKP, offiziell die „Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung„, in der Türkei an die Macht. Seitdem dominiert Sie den mit rund 80 Millionen Einwohnern etwa so großen Staat wie Deutschland. Doch was mit dem Reformer Erdogan begann, ist mittlerweile ein Alptraum. Ähnlich wie 1994 in Mexico, 1997 in Asien oder 1998 in Russland: mit viel ausländischem Geld wird die Illusion eines Booms über Jahre aufrecht erhalten, während sich die privaten Haushalte und die Firmen immer weiter in ausländischer Währung verschulden.

 

Doch mittlerweile verscheucht Präsident Erdogan genau diese ausländischen Investoren. Sie ziehen ihr Geld ab und die türkische Lira verliert schneller an Wert als ein Döner Spieß sein Fleisch. Gegenüber dem US-Dollar hat die türkische Lira dieses Jahr schon 40 Prozent verloren und in der Folge steigt die Inflation zweistellig. Jetzt wären Zinserhöhungen angebracht um diese negative Spirale zu stoppen. Doch statt dessen schimpft Erdogan nur über die USA und führt Strafzölle ein. Bei einem US-Präsidenten Trump ein sicherer Weg in die Isolation.

 

Was würden Sie zu einem Präsidenten sagen, der behauptet, dass Bürgerproteste im eigenen Land hätten nicht mit grassierender Korruption, steigenden Preisen und Demokratieabbau zu tun – statt dessen würden sie ausgelöst durch die Lufthansa und den Flughafenbetreiber Fraport, nur um den Ausbau des Flughafens in Istanbul und damit ein erstarken von Türkisch-Airways zu verhindern? So geschehen im Jahr 2013, als die Proteste im Gezi-Park aufflammten.

 

An der Stelle wurde spätestens klar, dass Erdogan und seine AKP jeden Realitätssinn verloren haben und der in den Verhandlungen befindliche Beitrittsprozess zur EU zu keinem absehbaren Erfolg führen würde. Damals wurden erste Geldgeber nervös und wurden bei Investitionen vorsichtig.

 

Die weitere Entwicklung ist trotzdem schockierend. Der Demokratieabbau in der Türkei geht einher mit wirtschaftlichem Abschwung. Mittlerweile sind die Kreditausfallversicherungen für die türkischen Staatsanleihen höher als für griechische (5jährige Staatsanleihen: Griechenland ca. 380 Basispunkte, Türkei ca. 420 Basispunkte).

 

2.) Wie sind die Auswirkungen auf und in Deutschland?

 

Auf die negative Seite der Waagschaale wirkt ein Phänomen der Chaos-Theorie ein: der sogenannte Schmetterlingseffekt. Demnach kann der Flügelschlag eines Schmetterlings zum Beispiel in Kaliforinen ausreichen, um die Winde so zu verändern, dass daraus Stürme in Asien werden. Auch in den Finanzmärkten können kleine Ursachen zu großen Auswirkungen führen, denn die Finanzmärkte sind vernetzter als je zuvor.

 

Gleichzeitig sind die Märkte weiterhin angespannt, denn die Schulden von Verbrauchern, Staaten und Unternehmen sind in Summe seit der Finanzkrise 2008 stark gestiegen. So hat auch die Türkei viel Schulden in Euro oder US-Dollar aufgenommen. Wegen der schwachen Lira können diese Kredite möglicherweise nicht mehr bedient werden und schon sind die Probleme der Türkei in andere Länder exportiert.

 

In der Folge könnte die globale Finanzwirschaft die Krise wahrnehmen und verstärkt die Emerging Markets meiden, so dass auch die Währungen anderer aufstrebender Staaten abwerten würden. Die Währungen von Südafrika oder Brasilien sind beispielsweise schon eingebrochen (Brasialianischer Real: 25% Verluste in 12 Monaten gegenüber Euro, südafrikanischer Rand: 11,5%).

 

Ein gern vergessenes Sonderrisko: die Türkei sind Gatekeeper für Europa was die Flüchtlinge anbelangt. Sollte die Türkei die Flüchtlingsströme nicht mehr aufhalten können oder wollen, würden diese nach Europa gelangen und dort größere Kosten und politische Verwerfungen verursachen.

 

Auch die geringe Verschuldungsquote der Türkei bringt im Notfall nicht viel. Diese wird in Prozent des BIP gemessen und das BIP kann sehr schnell kolabieren. Die Folge: auch die Staatsverschuldung steigt sprunghaft an.

 

Doch gibt es deshalb einen Crash an den weltweiten Finanzmärkten? Eher nicht, dazu ist die Bedeutung der Türkei einfach zu gering – mit nur 850 Mrd. USD macht sie nur rund 1 Prozent der Weltwirtschaft aus. Selbst falls die Türkei komplett ausfallen sollte – was undenkbar ist – würde die Weltwirtschaft dieses Jahr noch um rund 2 Prozent wachsen! Wichtiger sind Länder wir die USA, China oder der Euro-Raum. Dort stehen die wirtschaftlichen Zeichen weiterhin auf Wachstum.

 

Der wichtige Index LEI zeigt die Indikatoren für die zukünftige Wirtschaftsentwicklung an. Sowohl der LEI für die USA, als auch für die EU und für China, zeigt klar nach oben. Eine fundamentale Krise an den Börsen ist also nicht zu erwarten.

 

In der Berichtsphase über das 2. Quartal haben 80 Prozent (!) der US-Unternehmen die Analystenerwartungen übertroffen: ein neuer Rekord. Das ist keine Phase, in der ein längerer Abwärtstrend an den Börsen ansteht.

 

Ist ein kurzfristiger, übertriebener Crash in Aussicht? Auch hier ist die Antwort eher nein, denn ein solcher Crash kommt immer überraschend. Wenn jedoch die Medien oder wir schon darüber berichten, sind die Gefahren weitgehend bekannt und die Marktteilnehmer verhalten sich so, dass ein Crash nicht entsteht. Crashs kommen überraschend; das ist bei der Türkei-Krise nicht der Fall.

 

3. Wie sollten Anleger reagieren?

 

Wie in 9 von 10 Fällen sollten die Anleger auch dieses Mal die Ruhe bewahren. Wer kein ausgewiesener Türkei-Experte ist, wird ohnehin kaum mehr als die dem Gewicht der Türkei entsprechenden 1 Prozent an türkischen Werten in seinem Depot halten. Für die Anleger gilt deshalb: nicht reagieren, weiterhin die langfristigen Ziele mit Gedult verfolgen!

 

Ethisch-ökologisch orientierte Anleger dürfte ohnehin kaum türkische Aktien halten. Besitzer von Wasserkraftwerks-Beteiligungen, wie sie vor einigen Jahren in der Türkei angeboten wurden, können ebenfalls kaum reagieren: die Beteiligungsmodelle haben aber ohnehin meist auf US-Dollar-Fakturierung umgestellt.

 

Interessanter dürften deshalb andere Anlagen sein. Vielleicht in Firmen, die etwas für den Klimaschutz tun? Ein Hitzesommer, mit 350 Millionen Euro Ausgleichszahlungen für klimageschädigte Landwirte, Waldbrände in extrem trockenen Wäldern sowie Evakuierungen ganzer Dörfer in der Nähe Berlins, dazu noch die diesjährigen Sturmschäden in Deutschland in noch nie dagewesener Höhe – was muss eigentlich noch passieren, damit wir aufwachen und endlich die Klimaschutzaktivitäten massiv verstärken? Machen Sie mit, investieren auch Sie in Klimaschutz. Mit monatlichem Sparplan oder mit einer Einmalanlage:

 

 

 

 

Portraitfoto Gerd Junker Gerd Junker ist Co-Gründer und Geschäftsführer der Grünes Geld GmbH. Gerd Junker: „Wir leben was wir tun! Und das ist ganz einfach, denn der doppelte Nutzen von grünen Geldanlagen ist überzeugend – die Welt verbessern und Rendite erhalten.“ Mehr zu ihm und Grünes Geld auf auf Xing, Facebook oder Twitter.
 

Die Türkei und Europa – ein interessantes Verhältnis

Mittwoch, 27. Februar 2013

Zwei Tage besuchte Frau Merkel die Türkei und beide Seiten wurden nicht müde, ihre tiefe Freundschaft und Verbundenheit zu betonen. Angela Merkels Weg führte nicht nur zu politischen Gesprächen in die Türkei. Sie legte auch eine kurze Stippvisite bei den knapp 300, nahe der syrischen Grenze stationierten Bundeswehrsoldaten ein. Diese unterstützen im Rahmen eines Nato-Auftrages die Türkei dabei, sich vor syrischen Angriffen zu schützen. Kulturelles stand mit den Höhlen von Kappadokien auf dem Programm. Sie zeigte somit, dass sie nicht nur zu den üblichen Gesprächsterminen in die Türkei kommt, sondern auch dass sie sich Zeit für das Land nimmt. Bei aller Freundlichkeit stand aber nach wie vor das Thema EU-Beitritt der Türkei im Vordergrund. Dass Angela Merkel weiterhin eine „privilegierte Partnerschaft“ einer Vollmitgliedschaft in der Europäischen Union vorzieht, dürfte die Gespräche mit dem türkischen Ministerpräsidenten Erdogan und dem Staatspräsidenten Gül nicht gerade vereinfacht haben. Dabei ist die  Entwicklung in der Türkei äußerst positiv, was die Beitrittswünsche verstärkt.

 

Wirtschaftsboom und wachsender Energiebedarf

 

Die Wirtschaft in der Türkei boomt und kürzlich wurde die Kreditwürdigkeit des Landes von der Ratingagentur Fitch heraufgestuft. Auch für Deutschland ist die Türkei ein nicht zu vernachlässigender Wirtschaftsfaktor. Bereits 2011 exportierten deutsche Firmen Wirtschaftsgüter im Wert von 20 Milliarden Euro in das Land am Bosporus. Somit ist die Türkei für die Exportwirtschaft in Deutschland inzwischen bedeutender als zum Beispiel Japan. Der Hunger nach Konsum und vor allem nach deutschen Produkten wächst bei der jungen, kaufkräftigen Bevölkerung in der Türkei. Sogar deutsche Handelsketten wie Rossmann, Deichmann, Tchibo oder Saturn erobern den Markt vor Ort. Mit der steigenden Wirtschaftskraft steigt auch der Energiebedarf des Landes und somit boomt auch dieser Sektor. Ein jährliches Wirtschaftswachstum von durchschnittlich 8 % in den letzten Jahren steigert die Nachfrage nach Energie mindestens im gleichen Maße. Um das Land in dieser Frage unabhängig zu machen wird der Ausbau erneuerbarer Energien in der Türkei stark gefördert. Bis 2023 soll der Anteil regenerativer Energien an der Stromversorgung auf 30 % steigen. Ungenutztes Potential ist ausreichend vorhanden. Im Bereich der Wasserkraft zum Beispiel schöpft die Türkei Berechnungen zufolge bislang nur 22 % der möglichen Stromerzeugung aus. Auch durch Investoren aus dem Ausland wie zum Beispiel Aquila Capital sollen die Bestrebungen im Bereich der erneuerbaren Energien in der Türkei vorangetrieben werden (das aktuelle Projekt HydropowerInvest IV von Aquila Capital wird sogar mit einer Investitionsgarantie der Bundesrepublik abgesichert).

 

Moderne, Tradition und Wirtschaftswachstum - die Türkei ist ein Vielseitiges Land.

Moderne, Tradition und Wirtschaftswachstum – die Türkei ist ein Vielseitiges Land.

 

Unter diesen Aspekten wäre es nur fair, die Türkei durch einen Beitritt in die Europäische Union auch von den daraus entstehenden, wirtschaftlichen Vorteilen profitieren zu lassen. Der Vorläufer der EU war schließlich die EWG – die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft. Mit Sicherheit wurden bereits Länder in die europäische Staatengemeinschaft aufgenommen, die wirtschaftlich bedeutend schlechter aufgestellt waren. Doch die Erfahrungen der jüngsten Zeit mit Griechenland und Spanien legitimieren das zögerliche Verhalten bezüglich der EU Aufnahme.

 

Kulturelle Differenzen schaffen Vorbehalte

 

Jedoch spielen nicht nur um wirtschaftliche Interessen eine Rolle,  wenn ein Land das Beitrittsverfahren der EU anstrebt. Die kulturellen Unterschiede zwischen der bestehenden Europäischen Union und der Türkei sind groß und das Land ist teilweise nicht in der Lage oder nicht gewillt überfällige Reformen einzuleiten. Tatsächlich sind die Unterschiede zwischen der reichen und vom Wachstum profitierenden Bevölkerung – vorzugsweise in den Großstädten oder touristisch relevanten Gebieten – und der armen Landbevölkerung  immens. Gerade auf dem Land ist es für Mädchen noch immer so gut wie unmöglich an Bildung zu gelangen. Von knapp 6 Millionen Analphabeten in der Türkei sind rund 80% Mädchen. Auch Zwangsehen und Gewaltverbrechen innerhalb der Familie im Namen der Ehre sind nach wie vor an der Tagesordnung. Und auch die Kurdenfrage ist nicht gelöst.

 

Die Europäische Staatengemeinschaft ist schon jetzt bunt und vielfältig

 

Die Türkei scheint ein Land zu sein, welches im Zwiespalt zwischen Moderne und Fortschritt auf der einen, und Tradition und alten kulturellen Zwängen auf der anderen Seite gefangen ist. Allerdings zeichnet sich inzwischen in der türkischen Bevölkerung selbst ein Stimmungswechsel an. Wurde ein EU-Beitritt vor einigen Jahren noch von über 70 % der Türken befürwortet, so würde heute nur noch knapp die Hälfte für einen türkischen Beitritt in die Staatengemeinschaft stimmen, wenn es zu einem Referendum käme. Angesichts der anhaltenden Wirtschaftskrise im EU-Raum und der stark wachsenden Konjunktur in der Türkei ist das nicht verwunderlich. Die Türken fragen sich immer offener, ob ein Bittstellen für ein ehrliches Aufnahmeverfahren – wie es in den vergangenen Jahren der Fall war – tatsächlich noch notwendig ist. Wirtschaftlich steht die Türkei als Wachstumsland stabiler da als viele Mitgliedsstaaten der EU und rein kulturell ist die Europäische Union längst kein homogener Raum mehr, sondern sie ist bunt und vielfältig. Es scheint die Zeit gekommen zu sein, in ehrliche Beitrittsverhandlungen mit der Türkei zu treten.

 

 

 

 

 

 

 

Verfasser des Beitrages

Jasmin Messina-Hamann unterstützt die Grünes Geld GmbH als Berater-Assistentin. Jasmin Messina-Hamann:“Ich freue mich, dass ich – neben meinem persönlichen Engagement (z. B. bei Greenpeace) – beruflich meinen Teil dazu beitragen kann, dass Nachhaltigkeit auch in der Finanzbranche kein Fremdwort mehr ist. Die Macht des eingesetzten Kapitals kann die Welt zum positiven verändern.“