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Nachhaltige Branchen 6 – Banken und Finanzdienstleister

Dienstag, 13. Juni 2017

Serie nachhaltige Branchen: EnergiewirtschaftPharmaAutomobilSüßwarenLebensmittelBanken / Finanzdienstleister

 

Zusammenfassung: Nachhaltigkeit hat sich in vielen Branchen zu einem relevanten Wettbewerbsfaktor entwickelt. Während jedoch produzierende Betriebe an harten Faktoren gemessen werden können, muss die Nachhaltigkeit im Dienstleistungsbereich differenzierter ermittelt werden, denn hier geht es verstärkt um die Auswirkungen der Geldströme. Auch Banken und Finanzdienstleister bemühen sich um mehr Nachhaltigkeit und bieten zunehmend ökologische und soziale Geldanlagen an.

 

 

Nachhaltige Unternehmensführung – mehr als nur Recycling-Umschläge.

Nachhaltiges Wirtschaften hat sich vom Trend zum wettbewerbsentscheidenden Faktor entwickelt, dem sich kaum eine Branche noch verschließen kann und will. Um die Nachhaltigkeit einer Branche beziehungsweise eines einzelnen Unternehmens jedoch sicher zu beurteilen, bedarf es klarer Regeln.

 

Denn nur so können Nachhaltigkeitsziele verbindlich definiert und vergleichbar überprüft werden. Besonders wichtig in diesem Bereich ist außerdem das Zusammenspiel der unterschiedlichen Aspekte, wie beispielsweise Beschaffungsmanagement, Mitarbeiterführung und natürlich die Nachhaltigkeitsaspekte des Produktes selbst.

 

Denn ein Unternehmen, das umweltzerstörende Produkte fördert oder produziert, lässt sich kaum als nachhaltig einstufen – selbst dann nicht, wenn sämtliche Briefe in recycelten Umschlägen verschickt werden und die Kantine Bio-Essen anbietet. Denn bei Nachhaltigkeit geht es um die ausgewogene Balance zwischen dem Mensch und seiner Umwelt.

 

Im sechsten Teil unserer Serie zu nachhaltigen Branchen beschäftigen wir uns heute teilweise mit uns selbst und gehen der Frage nach, welche Anstrengungen in Sachen Nachhaltigkeit aktuell Banken und Finanzdienstleister unternehmen.

 

 

Vom Imageteil zum Nachhaltigkeitsbericht

Bereits seit mehr als einem Viertel Jahrhundert betonen besonders große Finanzkonzerne regelmäßig ihre Verantwortung für Umwelt und Gesellschaft. Im Imageteil der jährlichen Geschäftsberichte waren für dieses Engagement stets einige Seiten reserviert. Die dort beschriebenen Aktivitäten, etwa im Bereich Umweltschutz, gingen anfänglich kaum über Selbstverständlichkeiten hinaus, begegneten aber auch dem wachsenden Interesse der Öffentlichkeit an diesen Fragen.

 

Damit gaben die ersten Imageteile bereits einen Impuls für die kommenden Nachhaltigkeitsberichte, die für börsennotiere Unternehmen ab 500 Mitarbeiter gemäß der europäischen CSR-Richtlinie seit diesem Jahr verpflichtend ist. Die Richtlinie zur sozialen Verantwortung der Unternehmen (Corporate Social Responisbility, CSR) spiegeln dabei auch ein generelles Umdenken wider, dass sich – wenn auch langsam – durch die Wirtschaft zieht: Unternehmen sind nicht mehr allein ihren Eigentümern gegenüber Rechenschaft schuldig, sondern müssen die Auswirkungen ihrer Unternehmensführung auch gegenüber der gesamten Gesellschaft verantworten.

 

Das Ganze im Blick behalten.

Die Entwicklung geht damit von der reinen Shareholder-Orientierung hin zu einer Orientierung an den Ansprüchen der internen und externen Stakeholdern. In der Praxis bedeutet das, dass Unternehmen zunehmend das Ziel der Gewinnmaximierung um weitere Ziele erweitern, die ein sinnvolles und nachhaltiges Wirtschaften einschließen und die Ansprüche der unterschiedlichen Interessensgruppen mit berücksichtigen.

 

Eine Entwicklung, die auch kleine und mittelständische Unternehmen betrifft, denn der Wunsch nach mehr Nachhaltigkeit ist von der Unternehmensgröße unabhängig und wird von Seiten der Kunden und der Öffentlichkeit an nahezu jedes Unternehmen gestellt.

 

Für kleinere Unternehmen ist zwar kein Nachhaltigkeitsbericht vorgeschrieben, aber auch sie tuen gut daran, ihren Einsatz in diesem Bereich zu dokumentieren und zu publizieren. Ein weg ist dabei auch die Gemeinwohl-Bilanz, die sich für Unternehmen unterschiedlichster Größe gleichermaßen anbietet.

 

 

Banken und Finanzdienstleister – Geld verändert die Welt

Auf den ersten Blick ist Nachhaltigkeit kein anspruchsvolles Thema für Banken und Finanzdienstleister. Die Branche unterliegt einer wachsenden Virtualisierung und Digitalisierung. Standardtransaktionen sind nahezu lückenlos automatisiert, die Finanzdienstleister verbrauchen also nur wenige Ressourcen und konzentrieren sich auf Beratungsdienstleistungen und Handel. Hier setzt der zweite Blick an, denn Geld verändert die Welt.

 

Im Zuge des gesteigerten Interesses an einem verantwortungsvollen Finanzmanagement, müssen sich Banken und andere Finanzdienstleister die Frage stellen lassen, welche Auswirkungen eine bestimmte Geldanlage auf die gesamte Gesellschaft haben wird und nach welchen Kriterien Kredite vergeben werden. In diesem Bereich ist der Nachhaltigkeitsbegriff eng mit der unternehmerischen Sozialverantwortung verknüpft.

 

 

Nachhaltige Finanzprodukte

Nachhaltige Finanzprodukte sind bislang noch immer ein Nischenprodukt innerhalb der Finanzwirtschaft. Allerdings nimmt das Interesse an stetig zu. Nachhaltige Geldanlagen, sind durchgehend ökologisch und ethisch einwandfrei konzipiert.

 

Die Produktpalette ist dabei breit aufgestellt. Zu den klassischen nachhaltigen Geldanlagen zählen beispielsweise Mikrofinanzprodukte, die eine Vergabe von Klein- und Kleinstkrediten an Unternehmensgründer in Entwicklungs- und Schwellenländern ermöglichen.

 

 

 

 

 

 

Anleger erwirtschaften hier eine gute Rendite durch die überdurchschnittliche Zahlungsmoral der Kreditnehmer  sowie durch die Zinserträge, denn Mikrokrediten sind zwar Hilfe zur Selbsthilfe, jedoch keine Almosen.

 

Die richtigen Kriterien anlegen.

Ein weiteres wachsendes Feld im Bereich der nachhaltigen Geldanlagen sind Investments in Erneuerbare Energien und in weitere Projekte zum Thema Klimaschutz. In diesen Bereichen bieten Finanzdienstleister unterschiedliche Produkte an, Anleger können sich durch Direktbeteiligungen, Fondsanteilen oder Fondssparpläne am Auf- und Ausbau von Anlagen zur Gewinnung erneuerbarer Energien beteiligen.

 

Dazu zählen Solar- und Windparks, Wasserkraftanlagen, Biomasseanlagen und Anlagen zur Kraft-Wärme-Kopplung. Die Rendite aus diesen Anlagen resultiert – je nach Investment – aus dem Verkauf der sauberen Energie, teilweise auch aus dem vorteilhaften Weiterverkauf der Energieanlagen.

 

Im Bereich der Klimaschutzanlagen fließen Gelder in Technologien für eine verbesserte Energieeffizienz, aber auch in richtungsweisende Projekte, wie beispielsweise Meerwasserentsalzungsanlagen oder moderne Recyclingprojekte.

 

Eine weiteres Feld der Geldanlagen im Bereich des Klimaschutzes ist außerdem das Investment in Aufforstungsprojekte. Dabei werden biodiverse Mischwälder auf gerodeten Flächen neu angelegt. Teile der Waldflächen werden nachhaltig bewirtschaftet. Erträge bringen diese Investments durch den Verkauf von entnommenen Edelhölzern sowie landwirtschaftlichen Produkten wie beispielsweise Kakao.

 

 

Gut ist, wer Gutes tut – und Schlechtes meidet

Finanzdienstleister, die ethische und soziale Geldanlagen anbieten und ihre Kunden zu diesem Thema fair beraten, leisten unbestritten einen wichtigen Beitrag zur Nachhaltigkeit der Branche. Ebenso bedeutsam ist es allerdings auch, die gleichen hohen ethischen Kriterien an zulegen, wenn es um konventionelle Investments geht.

 

Denn Unternehmen, die im Zusammenhang mit Kinderarbeit, Ausbeutung und Diskriminierung stehen, umweltzerstörende Technologien produzieren oder Teil der Kriegsindustrie sind, gehören nicht in das Feld der Nachhaltigkeit.

 

Um hier Kunden mehr Transparenz zu bieten, arbeiten viele Anbieter mit einem sogenannten Ethik-Filter. Dieser Filter definiert bestimmte Ausschlusskriterien, die – je nach Anbieter – unterschiedlich sind.

 

Die so geprüften Wertpapiere umfassen im allgemeinen keine Anlagen aus dem Bereich der Atomenergie, Rüstung und definierten Teilen der Chemie- und Pharmabranche. Außerdem sind menschenrechtsverletzende Unternehmen ausgeschlossen. Der Finanzdienstleister Grünes Geld, verwendet beispielsweise einen Ethik-Filter bei seinen Erneuerbare Energie Fonds, Umweltfonds, Solar Fonds, Wind Fonds und Mikrofinanzfonds.

 

Gute Finanzberater können ihren Kunden detaillierte Angabe zu den jeweiligen Kriterien geben und umfassend beraten. Darüber hinaus haben Anleger auch die Möglichkeit, eigene ethische Vorstellungen in ihr Anlage-Portfolio einzubringen.

 

So gibt es auch kirchliche Leitlinien, die Geldanlagen gemäß christlicher Werte- und Moralvorstellungen definieren. Ebenso ist es möglich, Bereiche wie Massentierhaltung aus Geldanalgen auszuschließen. Gerade für Veganer und Klimaschützer eine interessante Option, mehr Nachhaltigkeit in die persönliche Vermögensplanung einzubeziehen.

 

 

Nachhaltigkeit kommt aus der Nische

Nachhaltigkeit kommt aus der Deckung.

Dass Ökobanken und spezialisierte Finanzdienstleister, Nachhaltigkeitskriterien in ihrem Angebot souverän berücksichtigen und ihre Kunden entsprechend umfassend und kompetent beraten, ist selbstverständlich.

 

Durch die steigende Nachfrage von Kundenseite stehen jetzt allerdings auch die konventionellen Anbieter aus der Finanzbranche vor der Herausforderung, ökologisch-sozial einwandfreie Finanzprodukte anzubieten. Entsprechend muss die Branche zügig Spezialisten einbinden oder aus eigenen Reihen weiterbilden, denn Kunden, die ihr Geld nachhaltig anlegen, haben dezidierte Vorstellungen und fragen kritisch nach.

 

Um diese Aufgabe weltweit voran zu bringen, hat 2005 eine Gruppe institutioneller Investoren die „UN Principles for Responsible Investment“, kurz PRI-Richtlinien, entwickelt. Angestoßen wurde diese Initiative für verantwortliches Investieren durch den damaligen UN-Generalsekretärs Kofi Annan.

 

Mittlerweile haben mehr als 1.200 Investoren weltweit das Programm unterzeichnet, die immerhin rund 15 Prozent des global investierten Kapitals verwalten. Die Unterzeichnenden verpflichten sich gemäß der PRI-Richtlinie, die Umwelt zu schützen, soziale Standards einzuhalten und das Unternehmen gut zu führen.

 

Allerdings liegt die Definitionshoheit, was das konkret bedeutet, bei den teilnehmenden Unternehmen selbst, Mindestkriterien, die erfüllt werden müssen, existieren nicht. Um für mehr Glaubwürdigkeit zu sorgen, wurde 2014 eine Berichtspflicht eingeführt, in der die Mitglieder darlegen, wie sie die Richtlinien in der Praxis umsetzen.

 

In Deutschland haben 47 Unternehmen die Prinzipien für verantwortliches Investieren unterzeichnet, das sind im Vergleich zu den europäischen Nachbarmärkten wenig. Zu den Mitgliedern zählen unter anderem Allianz Global Investors (AGI), Bayern Invest und Deka Investment.

 

Für einen konkreten Weg zu einer nachhaltigen Entwicklung in allen Bereichen des Unternehmens hat sich die Sparda-Bank München eG entschieden. Sie engagiert sich als erste deutsche Bank für die Gemeinwohl-Ökonomie und veröffentlicht bereits zum dritten Mal eine Gemeinwohl-Bilanz. Hier legt die Sparda-Bank transparent nieder, in welchen Bereichen bereits eine gute soziale und ökologische Unternehmensführung gelungen ist und welche Ziele sich das Unternehmen darüber hinaus setzt.

 

Gemessen wird darüber hinaus auch die Nachhaltigkeit der angebotenen Finanzprodukte. Dabei erreicht die genossenschaftliche Bank gute Ergebnisse für ihr solides, transparentes und faires Einlagen- und Kreditgeschäft. Das Unternehmen bezieht außerdem bereits zu einhundert Prozent Strom aus erneuerbaren Energien und will sich auch in anderen ökologischen Bereichen stärker engagieren.

 

 

Nachhaltigkeit leben – sinnvoll investieren

Immer mehr Menschen interessieren sich für das Thema Nachhaltigkeit und fragen zunehmend nach, anfänglich nur bei Produkten, verstärkt jetzt auch bei Dienstleistungen wie in etwa in der Finanzbranche.

 

Eine gute Entwicklung, denn Geld eröffnet weitreichende Möglichkeiten, um Veränderungen in Gang zu bringen. Daher ist es wichtig, dass Geldströme in die richtige Richtung fließen, zum Wohle möglichst vieler Menschen.

 

Seit mehr als zehn Jahren berät Grünes Geld, erfahrener Experte für nachhaltige Geldanlagen, seine Kunden im Bereich der ökologischen und sozialen Geldanlagen, Vermögensaufbau und –verwaltung. Gerade in Zeiten der niedrigen Zinsen suchen Kunden nach neuen Anlageprodukten und –strategien. Hier bieten wir Konzepte für jeden Anlegertyp und nahezu jede Anlagesumme.

 

Mit unseren nachhaltigen Anlageprodukten finanzieren unsere Kunden nicht nur positive Veränderungen, sondern sind selbst Teil einer gesellschaftlichen Veränderung geworden und haben durch ihre Anlagestrategie selbst erlebt, das Geld viel bewegen kann und gleichzeitig attraktiven Erträge bringt. Denn eine sinnvolle Geldanlage dient dem Gemeinwohl genauso wie dem Kundenwohl.

 

 

 

 

 

 

Carmen Junker

Verfasser des Beitrages: Carmen Junker ist Gründerin der Grünes Geld GmbH und Geschäftsführerin der Grünes Geld GmbH. Carmen Junker:“ Ein Grund mein berufliches Wirken speziell auf die Nachhaltige Geldanlage auszurichten ist, die Welt ein Stück positiver zu gestalten mit den Mitteln und Kenntnissen die mir zur Verfügung stehen. Aus der Verantwortung für die kommende Generation und weil ich selbst noch einige Jahre auf diesem schönen Planeten verbringen möchte“.

Gemeinwohl-Bilanz – die etwas andere Bewertung

Dienstag, 30. Mai 2017
Zusammenfassung: Die Gemeinwohl-Ökonomie ist eine relativ junge Bewegung, die bereits viel Beachtung erhält und Wirkung zeigt. Durch das speziell entwickelte Bewertungsverfahren der Gemeinwohl-Bilanz können Unternehmen ihre ethischen, sozialen und ökologischen Aktivitäten transparent und vollständig dokumentieren und öffentlich machen. Im Mittelpunkt der Bewegung steht nicht nur ein nachhaltiges Wirtschaften, sondern auch die Abkehr vom Primat des persönlichen finanziellen Erfolgs, hin zu einem Gewinn für die gesamte Gesellschaft.

 

 

Die Zukunft gemeinsam in die Hand nehmen!

Umwelt- und Nachhaltigkeitsberichte, Imageteile der Geschäftsberichte. Es gibt unterschiedliche Wege, das ökologische und soziale Engagement von Unternehmen, Organisationen oder dem öffentlichen Bereich transparent zu machen. Ein Bewertungsverfahren ist die Gemeinwohl-Bilanz. Diese soll prüfen und bewerten, inwieweit die jeweilige Geschäftstätigkeit soziale und ökologische Aspekte berücksichtig und damit dem Wohlergehen der gesamten Gesellschaft nutzt. Damit stellt die Gemeinwohl-Bilanz eine Ergänzung zur klassischen Handelsbilanz dar, bei der ausschließlich ökonomische Faktoren berücksichtigt werden.

 

 

Gemeinnutz geht vor Eigennutz

 „Le bien particulier doit céder au bien public“, zu deutsch „Das Wohl des Einzelnen muss dem öffentlichen Wohl weichen“. So formulierte bereits der französische Aufklärer Montesquieu den Geist, der Gesetze. Eine Maxime, die zeitweise stark in Vergessenheit gerät – in Staaten und Unternehmen gleichermaßen.

 

Angesichts der globalen Klimakrise, vielfältiger Umweltprobleme, die unsere Lebensgrundlagen bedrohen und der sich vergrößernden Kluft zwischen Arm und Reich, ist die Bewertung eines Unternehmens ausschließlich nach Kriterien der Wirtschaftlichkeit nicht mehr zeitgemäß. Zunehmend rücken ethische, soziale und ökologische Gesichtspunkte in den Mittelpunkt der Betrachtung.

 

 

Gemeinwohl-Ökonomie – die ethische Marktwirtschaft

Die Idee einer Gemeinwohl-Bilanz ist relativ jung. 2010 entwickelte Christian Felber gemeinsam mit einigen Unternehmen das Modell der Gemeinwohl-Ökonomie und der Gemeinwohl-Bilanz. Christian Felber ist politscher Autor und Mitbegründer des globalisierungskritischen Netzwerks Attac  in Österreich.

 

Kommt leicht aus dem Gleichgewicht …

Seine Idee der Gemeinwohl-Ökonomie beschreibt Felber in seinem gleichnamigen Buch, das bislang in neun Sprachen übersetzt wurde. Die englische Ausgabe beinhaltet ein Vorwort des Nobelpreisträgers Eric Maskin. Der US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler wurde gemeinsam mit zwei Kollegen 2007 für seine Theorie der ökonomischen Mechanismen ausgezeichnet. Darin zeichnen die Wissenschaftler einen Gegenentwurf zur klassischen Volkswirtschaft des Ökonomen Adam Smith. Dieser ging davon aus, dass das Gemeinwohl durch eine „unsichtbare Hand“ gefördert würde. Denn wenn alle zu ihrem eigenen Wohl beitragen würden, reguliert sich der Markt quasi selbst. Maskin stellt der „invisible hand“ von Smith die „Mechanismus-Design-Theorie“ entgegen. Diese besagt im Wesentlichen, dass Regeln notwendig sind, um das gewünschte Ergebnis zu erreichen.

 

… viele gemeinsame Anknüpfungspunkte führen zu Stabilität.

Die Mechanismen, die in der Gemeinwohl-Ökonomie Felbers die Basis einer alternativen Marktwirtschaft darstellen, sind Vertrauen, Wertschätzung, Kooperation, Solidarität und Teilen. Diese Werte sind die Grundlage von Felbers Wirtschaftsmodell. Indem Unternehmen und Organisationen nicht in Konkurrenz zueinander stehen, sondern kooperieren und den größtmöglichen Nutzen für da Gemeinwohl erzielen wollen, lassen sich die Prinzipien einer vollethische aber auch liberale Marktwirtschaft widerspruchsfrei miteinander verbinden.

 

Das Modell der Gemeinwohl-Ökonomie wird zwar immer wieder – vor allem von Seiten der traditionellen Wirtschaft – als weltfremd und unrealistisch kritisiert. De Facto unterstützen jedoch bereits mehr als 2.200 Unternehmen die Gemeinwohl-Ökonomie-Bewegung und messen ihren wirtschaftlichen Erfolg nicht nur finanziell, sondern ebenso an ihrem Beitrag zum Gemeinwohl. In diesem Jahr wurde das alternative Wirtschaftsmodell mit dem renommierten Preis „Mut zur Nachhaltigkeit“  der Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“ ausgezeichnet.

 

 

Positiv Bilanz ziehen – Gemeinwohl-Bilanzen

Die Gemeinwohl-Ökonomie-Bewegung verläuft – typisch für soziale Bewegungenvon unten nach oben. Entsprechend wird der Gedanke in erster Linie von kleinen und mittelständischen Unternehmen getragen. Und das bereits mit einigem Erfolg: Neben der wachsenden Zahl an Unterstützern, bilanzieren aktuell bereits rund 250 Unternehmen im deutschsprachigen Raum nach den Gemeinwohl-Richtlinien. Im europäischen Markt haben sich bereits rund 400 Unternehmen für diese Bilanzierung entschieden.

 

Mit der Gemeinwohl-Bilanz den Blickwinkel wechseln.

In der Praxis ist die Gemeinwohl-Bilanz vergleichsweise einfach gehalten und soll kompakt und transparent über den Beitrag zum Gemeinwohl Auskunft geben. Die Bilanzierung ist dabei nicht als schnell zu erwerbendes Siegel zu sehen, sondern soll als langfristiges Projekt den werteorientierten Entwicklungsprozess des jeweiligen Unternehmens begleiten und dokumentieren.

 

Die Bilanzierung verläuft dabei in mehreren Schritten. Unternehmen und Organisationen informieren sich im Vorfeld, ob sie sich mit der Idee der Gemeinwohl-Ökonomie identifizieren können und welchen Beitrag sie bereits zum Gemeinwohl leisten. Im Rahmen dieser Orientierungsphase werden interessierte Unternehmen offizielle Unterstützer der Gemeinwohl-Ökonomie-Bewegung. Im nächsten Schritt werden Unternehmen Mitglied in einem anerkannten Verein der Gemeinwohl-Ökonomie. Innerhalb dieses Netzwerkes können sie sich so mit anderen Unternehmen austauschen. Innerhalb dieser Phase erstellen die Unternehmen einen ersten Einstiegsbericht. Dieser kann selbstständig oder auch mit Hilfe eines Auditors angefertigt werden.

 

Die eigentliche Erstellung der Gemeinwohl-Bilanz verläuft dann in drei Schritten.

 

  1. Zuerst erstellt das Unternehmen anhand der Gemeinwohl-Matrix seine Gemeinwohl-Bilanz. Dabei ist es jedem Unternehmen freigestellt, ob es diese Bilanz allein oder mit einem Berater erarbeitet. Im Sinne des Kooperationsgedankens ist es darüber hinaus auch möglich, die Bilanz in einer Peer-Group zusammenzustellen. Dafür arbeiten einige Unternehmen, unterstützt durch einen zusammen und werden professionell in ihrem Bilanzierungsprozess begleitet.

 

  1. Anschließend wird das Ergebnis von einem unabhängigen Experten geprüft und im Audit-Testat festgehalten. Alternativ zu diesem Prozedere ist es auch möglich, eine Evaluierung des Bilanz innerhalb der Peer-Group durchzuführen. Die Ergebnisse werden dann im Peer-Testat festgehalten. Die zertifizierte Gemeinwohl-Bilanz ist zwei Jahre gültig. Während dieser Zeit können die Unternehmen das GWÖ-Label tragen. Dabei gibt das Label durch eine Prozentangabe auch Aufschluss über das Ergebnis der Gemeinwohl-Bilanz, optisch unterstützt durch ein Ampelsystem ähnlich der Energieeffizienz von Elektrogeräten. Die Gesamtlosten für Auditoren- und Beratungshonorare liegen insgesamt bei rund 1.000 Euro und werden teilweise öffentlich gefördert.

 

  1. Abschließend wird die Gemeinwohl-Bilanz veröffentlicht. Die Unternehmen können außerdem die Bilanz individuell zur Differenzierung im Markt nutzen.

 

 

Raus aus der ökologischen Nische

GWÖ-Bilanz verlässt das Nischen-Dasein.

Das mediale Interesse an der Gemeinwohl-Ökonomie wirkt sich positiv auf die Verbreitung der Gemeinwohl-Bilanz aus. Aktuell interessieren sich auch große Unternehmen, wie beispielsweise DM, Deutsche Post und Otto für diese Möglichkeiten. Ebenfalls einen Weg für die Gemeinwohl-Bilanzierung raus der sozial-ökologischen Nische, rein in die Großkonzerne bietet eine neue EU-Richtlinie.

 

Ab diesem Jahr sind alle börsennotierten Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern gesetzlich zu einem Nachhaltigkeitsbericht verpflichtet. Dabei ist die Nutzung einer Gemeinwohl-Bilanzierung als möglicher Bericht explizit erwähnt. Darüber hinaus wird die Gemeinwohl-Bilanzierung auch vom Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss  empfohlen und von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt gefördert. Außerdem untersuchen derzeit mehrere Universitäten, finanziert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung, wie Großkonzerne Gemeinwohl-Bilanzen erstellen können.

 

 

Gemeinwohl in der 360-Grad-Perspektive

Unternehmen, die sich für eine Bilanzierung nach den Kriterien der Gemeinwohl-Ökonomie entscheiden, werden nach einer Vielzahl von Gemeinwohl-Indikatoren mit bis zu vier Sub-Indikatoren bewertet. Mit einem Bilanzrechner werden die jeweiligen Ergebnisse in Punkte umgerechnet. Möglich ist theoretisch ein positives Ergebnis mit bis zu 1.000 Punkten. Die Bilanz kann jedoch auch negativ ausfallen, mit bis zu 3.600 Minuspunkten.

 

Genereller philosophischer Überbau der Bilanz ist die Zielsetzung, das Gemeinwohl zu vermehren und nicht den finanziellen Erfolg in den Mittelpunkt des Schaffens zu rücken. Entsprechend verläuft die Gemeinwohl-Bilanzierung nicht über Soll und Haben-Konten, sondern betrachtet die unternehmerischen Aktivitäten aus einer 360-Grad-Perspektive. Dabei werden bilden fünf Berührungsgruppen mit vier Werten zusammen eine Matrix aus 20 Gemeinwohl-Themen. Diese werden mit jeweils bis zu 50 Punkten gewichtet. Bei der Auswertung werden auch Unternehmensgröße und Finanzströme in die Betrachtung mit einbezogen. Außerdem werden soziale und ökologische Risiken in den beteiligten Herkunftsländern sowie der Branche generell berücksichtigt.

 

Zu den Berührungsgruppen der Gemeinwohl-Themen zählen die Unternehmer und ihre Finanzpartner, Lieferanten, Mitarbeiter, Kunden sowie das gesellschaftliche Umfeld. Bewertet wird, wie stark diese Gruppen die vier zentrale Werte Menschenwürde, Solidarität und Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit sowie Transparenz und Mitentscheidung leben und verwirklichen. Zusammengefasst bewertet die Gemeinwohl-Bilanz die aktuellen und zukünftigen Auswirkungen der unternehmerischen Tätigkeit auf die Lebensqualität der Gesellschaft. Die Bewertung gibt auch darüber Aufschluss, welche Potenziale noch in der weiteren Entwicklung des Unternehmens ausgeschöpft werden können.

 

 

Strenge Bewertung statt Schönfärberei

Gemeinwohl-Bilanzierung – der Schlüssel zum Erfolg für alle!

Obwohl verschiedene Wege zur Gemeinwohl-Bilanz führen, unterliegt die Bewertung strengen Kriterien, die keine Schönfärberei oder „Greenwashing zulassen“. Die Matrix muss vollständig ausgefüllt werden. Fehlende oder intransparente Angaben führen zu einer Abwertung. Punkte werden nur für Aktivitäten vergeben, die über die Erfüllung der gesetzlichen Mindeststandards hinausgehen. Damit gibt die Gemeinwohl-Bilanz Aufschluss über noch vorhandene „Baustellen“, ist jedoch auch eine transparente und glaubwürdige Selbstdarstellung des Unternehmens – eine Information, die für an Nachhaltigkeit orientierte Investoren von hohem Interesse ist. Hohe Relevanz wird generell regionalen, ökologischen und sozialen Aspekten eingeräumt. Im Blickpunkt steht auch die Auseinandersetzung mit dem Sinn, dem positiven Nutzen und den globalen Auswirkungen der Produkte und Dienstleistungen. Negative Bewertungen gibt es beispielsweise ganz klar auf geplante Obsoleszenzen. Wichtig für das Gemeinwohl wird auch ein menschenwürdiges Arbeitsumfeld gewertet. Dabei gehen die Ansprüche weit über die Aspekte der Arbeitssicherheit und existenzsichernde Entlohnung hinaus. Eine hohe Relevanz für das Gemeinwohl haben auch Faktoren wie eine geringere Normalarbeitszeit, flexible Arbeitszeitmodelle, aber auch Aspekte wie gesunde Ernährung am Arbeitsplatz und eine umweltgerechte Mobilität.

 

 

Getestet und für gut befunden

Die Gemeinwohl-Ökonomie wird zwar bislang vorrangig von kleineren Unternehmen getragen, durch die aktive Unterstützung bekannter Marken und Unternehmen, wird jedoch viel Schwung in die Bewegung gebracht. In Deutschland haben sich beispielsweise bereits die Sparda Bank, der Outdoor-Ausstatter VauDe, Bioland, die Tageszeitung taz und die Hochschule Bremen im Rahmen einer Gemeinwohl-Bilanz zertifizieren lassen.

 

Die VauDe Sport GmbH & Co KG zählt dabei zu den Pionieren der Gemeinwohl-Ökonomie-Bewegung und ließ sich bereits 2015 zertifizieren. VauDe erhielt dabei sehr gute Bewertungen im Bereich der ökologischen Nachhaltigkeit. Im Zuge der Gemeinwohl-Bilanzierung entschloss sich das Unternehmen außerdem, ein spezielles Programm für seine kleinen und mittleren Händler aufzusetzen. Diese laufen ansonsten schnell Gefahr, durch Mengenrabatte an Großabnehmer, vom Markt zu verschwinden. Damit stärkt VauDe durch seine unternehmerische Verantwortung auch regionale Entwicklungen und soziale Aspekte.

 

Ein wegweisendes Beispiel hat die Sparda Bank München eG mit seiner Gemeinwohl-Bilanzierung gegeben. Damit setzt sich die Bank aktiv für einen gesellschaftlichen Wandel ein. Die Sparda Bank hat bereits seinen dritten Gemeinwohl-Bericht vorgelegt und schneidet besonders gut ab in den Bereichen der Arbeitsqualität, in der Beziehung zu seinen Kunden und – kennzeichnend für ein genossenschaftliches Kreditinstitut – in der gemeinwohlorientierten Gewinnverteilung. Optimierungsbedarf besteht dagegen noch bei sozialen und ökologischen Aspekten.

 

 

Gemeinwohl und Nachhaltigkeit – eine gute Kombination

Die Gemeinwohl-Bilanz setzt anspruchsvolle Standards, zertifizierte Unternehmen geben eine Vorbildfunktion in Wirtschaft und Gesellschaft. Eine positive Entwicklung. Sie gibt Hoffnung, dass die Einsicht zur Veränderung siegt. Denn eine am Gemeinwohl orientierte Wirtschaft macht alle zu Gewinnern. Mensch, Umwelt und Klima gleichermaßen. Deshalb ist es sinnvoll, Unternehmen und Projekte zu unterstützen, die den ethischen, sozialen und ökologischen Werten verpflichtet sind. Bei Grünes Geld, einem erfahrenen Anbieter nachhaltiger Geldanlagen, finden Sie ein breites Angebot dieser Investments.

 

 

 

 

 

Carmen Junker

Verfasser des Beitrages: Carmen Junker ist Gründerin der Grünes Geld GmbH und Geschäftsführerin der Grünes Geld GmbH. Carmen Junker:“ Ein Grund mein berufliches Wirken speziell auf die Nachhaltige Geldanlage auszurichten ist, die Welt ein Stück positiver zu gestalten mit den Mitteln und Kenntnissen die mir zur Verfügung stehen. Aus der Verantwortung für die kommende Generation und weil ich selbst noch einige Jahre auf diesem schönen Planeten verbringen möchte“.