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Gemeinwohl-Bilanz – die etwas andere Bewertung

Dienstag, 30. Mai 2017
Zusammenfassung: Die Gemeinwohl-Ökonomie ist eine relativ junge Bewegung, die bereits viel Beachtung erhält und Wirkung zeigt. Durch das speziell entwickelte Bewertungsverfahren der Gemeinwohl-Bilanz können Unternehmen ihre ethischen, sozialen und ökologischen Aktivitäten transparent und vollständig dokumentieren und öffentlich machen. Im Mittelpunkt der Bewegung steht nicht nur ein nachhaltiges Wirtschaften, sondern auch die Abkehr vom Primat des persönlichen finanziellen Erfolgs, hin zu einem Gewinn für die gesamte Gesellschaft.

 

 

Die Zukunft gemeinsam in die Hand nehmen!

Umwelt- und Nachhaltigkeitsberichte, Imageteile der Geschäftsberichte. Es gibt unterschiedliche Wege, das ökologische und soziale Engagement von Unternehmen, Organisationen oder dem öffentlichen Bereich transparent zu machen. Ein Bewertungsverfahren ist die Gemeinwohl-Bilanz. Diese soll prüfen und bewerten, inwieweit die jeweilige Geschäftstätigkeit soziale und ökologische Aspekte berücksichtig und damit dem Wohlergehen der gesamten Gesellschaft nutzt. Damit stellt die Gemeinwohl-Bilanz eine Ergänzung zur klassischen Handelsbilanz dar, bei der ausschließlich ökonomische Faktoren berücksichtigt werden.

 

 

Gemeinnutz geht vor Eigennutz

 „Le bien particulier doit céder au bien public“, zu deutsch „Das Wohl des Einzelnen muss dem öffentlichen Wohl weichen“. So formulierte bereits der französische Aufklärer Montesquieu den Geist, der Gesetze. Eine Maxime, die zeitweise stark in Vergessenheit gerät – in Staaten und Unternehmen gleichermaßen.

 

Angesichts der globalen Klimakrise, vielfältiger Umweltprobleme, die unsere Lebensgrundlagen bedrohen und der sich vergrößernden Kluft zwischen Arm und Reich, ist die Bewertung eines Unternehmens ausschließlich nach Kriterien der Wirtschaftlichkeit nicht mehr zeitgemäß. Zunehmend rücken ethische, soziale und ökologische Gesichtspunkte in den Mittelpunkt der Betrachtung.

 

 

Gemeinwohl-Ökonomie – die ethische Marktwirtschaft

Die Idee einer Gemeinwohl-Bilanz ist relativ jung. 2010 entwickelte Christian Felber gemeinsam mit einigen Unternehmen das Modell der Gemeinwohl-Ökonomie und der Gemeinwohl-Bilanz. Christian Felber ist politscher Autor und Mitbegründer des globalisierungskritischen Netzwerks Attac  in Österreich.

 

Kommt leicht aus dem Gleichgewicht …

Seine Idee der Gemeinwohl-Ökonomie beschreibt Felber in seinem gleichnamigen Buch, das bislang in neun Sprachen übersetzt wurde. Die englische Ausgabe beinhaltet ein Vorwort des Nobelpreisträgers Eric Maskin. Der US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler wurde gemeinsam mit zwei Kollegen 2007 für seine Theorie der ökonomischen Mechanismen ausgezeichnet. Darin zeichnen die Wissenschaftler einen Gegenentwurf zur klassischen Volkswirtschaft des Ökonomen Adam Smith. Dieser ging davon aus, dass das Gemeinwohl durch eine „unsichtbare Hand“ gefördert würde. Denn wenn alle zu ihrem eigenen Wohl beitragen würden, reguliert sich der Markt quasi selbst. Maskin stellt der „invisible hand“ von Smith die „Mechanismus-Design-Theorie“ entgegen. Diese besagt im Wesentlichen, dass Regeln notwendig sind, um das gewünschte Ergebnis zu erreichen.

 

… viele gemeinsame Anknüpfungspunkte führen zu Stabilität.

Die Mechanismen, die in der Gemeinwohl-Ökonomie Felbers die Basis einer alternativen Marktwirtschaft darstellen, sind Vertrauen, Wertschätzung, Kooperation, Solidarität und Teilen. Diese Werte sind die Grundlage von Felbers Wirtschaftsmodell. Indem Unternehmen und Organisationen nicht in Konkurrenz zueinander stehen, sondern kooperieren und den größtmöglichen Nutzen für da Gemeinwohl erzielen wollen, lassen sich die Prinzipien einer vollethische aber auch liberale Marktwirtschaft widerspruchsfrei miteinander verbinden.

 

Das Modell der Gemeinwohl-Ökonomie wird zwar immer wieder – vor allem von Seiten der traditionellen Wirtschaft – als weltfremd und unrealistisch kritisiert. De Facto unterstützen jedoch bereits mehr als 2.200 Unternehmen die Gemeinwohl-Ökonomie-Bewegung und messen ihren wirtschaftlichen Erfolg nicht nur finanziell, sondern ebenso an ihrem Beitrag zum Gemeinwohl. In diesem Jahr wurde das alternative Wirtschaftsmodell mit dem renommierten Preis „Mut zur Nachhaltigkeit“  der Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“ ausgezeichnet.

 

 

Positiv Bilanz ziehen – Gemeinwohl-Bilanzen

Die Gemeinwohl-Ökonomie-Bewegung verläuft – typisch für soziale Bewegungenvon unten nach oben. Entsprechend wird der Gedanke in erster Linie von kleinen und mittelständischen Unternehmen getragen. Und das bereits mit einigem Erfolg: Neben der wachsenden Zahl an Unterstützern, bilanzieren aktuell bereits rund 250 Unternehmen im deutschsprachigen Raum nach den Gemeinwohl-Richtlinien. Im europäischen Markt haben sich bereits rund 400 Unternehmen für diese Bilanzierung entschieden.

 

Mit der Gemeinwohl-Bilanz den Blickwinkel wechseln.

In der Praxis ist die Gemeinwohl-Bilanz vergleichsweise einfach gehalten und soll kompakt und transparent über den Beitrag zum Gemeinwohl Auskunft geben. Die Bilanzierung ist dabei nicht als schnell zu erwerbendes Siegel zu sehen, sondern soll als langfristiges Projekt den werteorientierten Entwicklungsprozess des jeweiligen Unternehmens begleiten und dokumentieren.

 

Die Bilanzierung verläuft dabei in mehreren Schritten. Unternehmen und Organisationen informieren sich im Vorfeld, ob sie sich mit der Idee der Gemeinwohl-Ökonomie identifizieren können und welchen Beitrag sie bereits zum Gemeinwohl leisten. Im Rahmen dieser Orientierungsphase werden interessierte Unternehmen offizielle Unterstützer der Gemeinwohl-Ökonomie-Bewegung. Im nächsten Schritt werden Unternehmen Mitglied in einem anerkannten Verein der Gemeinwohl-Ökonomie. Innerhalb dieses Netzwerkes können sie sich so mit anderen Unternehmen austauschen. Innerhalb dieser Phase erstellen die Unternehmen einen ersten Einstiegsbericht. Dieser kann selbstständig oder auch mit Hilfe eines Auditors angefertigt werden.

 

Die eigentliche Erstellung der Gemeinwohl-Bilanz verläuft dann in drei Schritten.

 

  1. Zuerst erstellt das Unternehmen anhand der Gemeinwohl-Matrix seine Gemeinwohl-Bilanz. Dabei ist es jedem Unternehmen freigestellt, ob es diese Bilanz allein oder mit einem Berater erarbeitet. Im Sinne des Kooperationsgedankens ist es darüber hinaus auch möglich, die Bilanz in einer Peer-Group zusammenzustellen. Dafür arbeiten einige Unternehmen, unterstützt durch einen zusammen und werden professionell in ihrem Bilanzierungsprozess begleitet.

 

  1. Anschließend wird das Ergebnis von einem unabhängigen Experten geprüft und im Audit-Testat festgehalten. Alternativ zu diesem Prozedere ist es auch möglich, eine Evaluierung des Bilanz innerhalb der Peer-Group durchzuführen. Die Ergebnisse werden dann im Peer-Testat festgehalten. Die zertifizierte Gemeinwohl-Bilanz ist zwei Jahre gültig. Während dieser Zeit können die Unternehmen das GWÖ-Label tragen. Dabei gibt das Label durch eine Prozentangabe auch Aufschluss über das Ergebnis der Gemeinwohl-Bilanz, optisch unterstützt durch ein Ampelsystem ähnlich der Energieeffizienz von Elektrogeräten. Die Gesamtlosten für Auditoren- und Beratungshonorare liegen insgesamt bei rund 1.000 Euro und werden teilweise öffentlich gefördert.

 

  1. Abschließend wird die Gemeinwohl-Bilanz veröffentlicht. Die Unternehmen können außerdem die Bilanz individuell zur Differenzierung im Markt nutzen.

 

 

Raus aus der ökologischen Nische

GWÖ-Bilanz verlässt das Nischen-Dasein.

Das mediale Interesse an der Gemeinwohl-Ökonomie wirkt sich positiv auf die Verbreitung der Gemeinwohl-Bilanz aus. Aktuell interessieren sich auch große Unternehmen, wie beispielsweise DM, Deutsche Post und Otto für diese Möglichkeiten. Ebenfalls einen Weg für die Gemeinwohl-Bilanzierung raus der sozial-ökologischen Nische, rein in die Großkonzerne bietet eine neue EU-Richtlinie.

 

Ab diesem Jahr sind alle börsennotierten Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern gesetzlich zu einem Nachhaltigkeitsbericht verpflichtet. Dabei ist die Nutzung einer Gemeinwohl-Bilanzierung als möglicher Bericht explizit erwähnt. Darüber hinaus wird die Gemeinwohl-Bilanzierung auch vom Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss  empfohlen und von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt gefördert. Außerdem untersuchen derzeit mehrere Universitäten, finanziert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung, wie Großkonzerne Gemeinwohl-Bilanzen erstellen können.

 

 

Gemeinwohl in der 360-Grad-Perspektive

Unternehmen, die sich für eine Bilanzierung nach den Kriterien der Gemeinwohl-Ökonomie entscheiden, werden nach einer Vielzahl von Gemeinwohl-Indikatoren mit bis zu vier Sub-Indikatoren bewertet. Mit einem Bilanzrechner werden die jeweiligen Ergebnisse in Punkte umgerechnet. Möglich ist theoretisch ein positives Ergebnis mit bis zu 1.000 Punkten. Die Bilanz kann jedoch auch negativ ausfallen, mit bis zu 3.600 Minuspunkten.

 

Genereller philosophischer Überbau der Bilanz ist die Zielsetzung, das Gemeinwohl zu vermehren und nicht den finanziellen Erfolg in den Mittelpunkt des Schaffens zu rücken. Entsprechend verläuft die Gemeinwohl-Bilanzierung nicht über Soll und Haben-Konten, sondern betrachtet die unternehmerischen Aktivitäten aus einer 360-Grad-Perspektive. Dabei werden bilden fünf Berührungsgruppen mit vier Werten zusammen eine Matrix aus 20 Gemeinwohl-Themen. Diese werden mit jeweils bis zu 50 Punkten gewichtet. Bei der Auswertung werden auch Unternehmensgröße und Finanzströme in die Betrachtung mit einbezogen. Außerdem werden soziale und ökologische Risiken in den beteiligten Herkunftsländern sowie der Branche generell berücksichtigt.

 

Zu den Berührungsgruppen der Gemeinwohl-Themen zählen die Unternehmer und ihre Finanzpartner, Lieferanten, Mitarbeiter, Kunden sowie das gesellschaftliche Umfeld. Bewertet wird, wie stark diese Gruppen die vier zentrale Werte Menschenwürde, Solidarität und Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit sowie Transparenz und Mitentscheidung leben und verwirklichen. Zusammengefasst bewertet die Gemeinwohl-Bilanz die aktuellen und zukünftigen Auswirkungen der unternehmerischen Tätigkeit auf die Lebensqualität der Gesellschaft. Die Bewertung gibt auch darüber Aufschluss, welche Potenziale noch in der weiteren Entwicklung des Unternehmens ausgeschöpft werden können.

 

 

Strenge Bewertung statt Schönfärberei

Gemeinwohl-Bilanzierung – der Schlüssel zum Erfolg für alle!

Obwohl verschiedene Wege zur Gemeinwohl-Bilanz führen, unterliegt die Bewertung strengen Kriterien, die keine Schönfärberei oder „Greenwashing zulassen“. Die Matrix muss vollständig ausgefüllt werden. Fehlende oder intransparente Angaben führen zu einer Abwertung. Punkte werden nur für Aktivitäten vergeben, die über die Erfüllung der gesetzlichen Mindeststandards hinausgehen. Damit gibt die Gemeinwohl-Bilanz Aufschluss über noch vorhandene „Baustellen“, ist jedoch auch eine transparente und glaubwürdige Selbstdarstellung des Unternehmens – eine Information, die für an Nachhaltigkeit orientierte Investoren von hohem Interesse ist. Hohe Relevanz wird generell regionalen, ökologischen und sozialen Aspekten eingeräumt. Im Blickpunkt steht auch die Auseinandersetzung mit dem Sinn, dem positiven Nutzen und den globalen Auswirkungen der Produkte und Dienstleistungen. Negative Bewertungen gibt es beispielsweise ganz klar auf geplante Obsoleszenzen. Wichtig für das Gemeinwohl wird auch ein menschenwürdiges Arbeitsumfeld gewertet. Dabei gehen die Ansprüche weit über die Aspekte der Arbeitssicherheit und existenzsichernde Entlohnung hinaus. Eine hohe Relevanz für das Gemeinwohl haben auch Faktoren wie eine geringere Normalarbeitszeit, flexible Arbeitszeitmodelle, aber auch Aspekte wie gesunde Ernährung am Arbeitsplatz und eine umweltgerechte Mobilität.

 

 

Getestet und für gut befunden

Die Gemeinwohl-Ökonomie wird zwar bislang vorrangig von kleineren Unternehmen getragen, durch die aktive Unterstützung bekannter Marken und Unternehmen, wird jedoch viel Schwung in die Bewegung gebracht. In Deutschland haben sich beispielsweise bereits die Sparda Bank, der Outdoor-Ausstatter VauDe, Bioland, die Tageszeitung taz und die Hochschule Bremen im Rahmen einer Gemeinwohl-Bilanz zertifizieren lassen.

 

Die VauDe Sport GmbH & Co KG zählt dabei zu den Pionieren der Gemeinwohl-Ökonomie-Bewegung und ließ sich bereits 2015 zertifizieren. VauDe erhielt dabei sehr gute Bewertungen im Bereich der ökologischen Nachhaltigkeit. Im Zuge der Gemeinwohl-Bilanzierung entschloss sich das Unternehmen außerdem, ein spezielles Programm für seine kleinen und mittleren Händler aufzusetzen. Diese laufen ansonsten schnell Gefahr, durch Mengenrabatte an Großabnehmer, vom Markt zu verschwinden. Damit stärkt VauDe durch seine unternehmerische Verantwortung auch regionale Entwicklungen und soziale Aspekte.

 

Ein wegweisendes Beispiel hat die Sparda Bank München eG mit seiner Gemeinwohl-Bilanzierung gegeben. Damit setzt sich die Bank aktiv für einen gesellschaftlichen Wandel ein. Die Sparda Bank hat bereits seinen dritten Gemeinwohl-Bericht vorgelegt und schneidet besonders gut ab in den Bereichen der Arbeitsqualität, in der Beziehung zu seinen Kunden und – kennzeichnend für ein genossenschaftliches Kreditinstitut – in der gemeinwohlorientierten Gewinnverteilung. Optimierungsbedarf besteht dagegen noch bei sozialen und ökologischen Aspekten.

 

 

Gemeinwohl und Nachhaltigkeit – eine gute Kombination

Die Gemeinwohl-Bilanz setzt anspruchsvolle Standards, zertifizierte Unternehmen geben eine Vorbildfunktion in Wirtschaft und Gesellschaft. Eine positive Entwicklung. Sie gibt Hoffnung, dass die Einsicht zur Veränderung siegt. Denn eine am Gemeinwohl orientierte Wirtschaft macht alle zu Gewinnern. Mensch, Umwelt und Klima gleichermaßen. Deshalb ist es sinnvoll, Unternehmen und Projekte zu unterstützen, die den ethischen, sozialen und ökologischen Werten verpflichtet sind. Bei Grünes Geld, einem erfahrenen Anbieter nachhaltiger Geldanlagen, finden Sie ein breites Angebot dieser Investments.

 

 

 

 

 

Carmen Junker

Verfasser des Beitrages: Carmen Junker ist Gründerin der Grünes Geld GmbH und Geschäftsführerin der Grünes Geld GmbH. Carmen Junker:“ Ein Grund mein berufliches Wirken speziell auf die Nachhaltige Geldanlage auszurichten ist, die Welt ein Stück positiver zu gestalten mit den Mitteln und Kenntnissen die mir zur Verfügung stehen. Aus der Verantwortung für die kommende Generation und weil ich selbst noch einige Jahre auf diesem schönen Planeten verbringen möchte“.